Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1881)
- Date
- 1881-12-14
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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1254 jüdische Leichen befinden. Diese werden auf dem Central-Friedhofe unter Assistenz der katholischen, evangelischen und israelitischen Geistlichkeit bestattet werden. Ergreifend ist die Erzähluug des Herrn Deiches. Er war mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter auf der zweiten Galerie des Hauses. Als der erste Feuerlärm ertönte, nahm er das Kind in die Arme, und eilte mit demselben die Treppen hinab. In der Verwirrung und Bestürzung war seine Gattin oben zurückgeblieben. Als Herr Deiches dies bemerkte, setzte er das Kind nieder und eilte wieder zurück in das brennende Hans, um seine Gattin aus demselben zu holen. Auf der Galerie angelangt, erblickte er seine Frau; aber in diesem Moment verlöschte das Gaslicht. Trotzdem gelang es dem Ehepaar, über die Treppe unversehrt, allerdings in steter Gefahr, erdrückt zu werden, schwebend hinab zu gelangen. Unten fanden die Eheleute auch ihr Kind wieder. Erschütternd ist der Anblick der in demLeichenbofe des allgemeinen Krankenhauses nach theurcn Verwandten Suchenden. Da eilt ein Knabe von 15 Jahren von einem Todtenraum in den anderen und besichtigt mit ängstlicher Prüfung nacheinander alle einzelnen Leichen, anch die unkenntlichsten. Sein Auge hat keine Thränen mehr, es hat sie ansgeweint .... Wen der Knabe sucht? Seinen Vater! Vater und Mutter waren am 8. Dezember ansgegangen, um das Ningtheater zu besuchen, d°e Mutter ist dabei umgekommen, und auch der Vater war nimmer heimgekehrt. Zn Hanse j sitzen sieben jüngere Geschwister und harren schluchzend, welche Kunde wohl der älteste Bruder bringen mag und ob er wohl den tobten Vater gesunden!! Man sagt uns, daß der treue Knabe dem Kaufmann Berthold Zucker gehörte, der im Frcihause wohnte. Ueberall werden Sammlungen für die mittellosen Hinterbliebenen der Verunglückten veranstaltet. (Die Redaction des „Israelit" ist gern bereit, milde Gaben entgegenzunehmen und zu befördern.) Aus Siebenbürgen wird vom 11. dieses berichtet: Kronprinz Rudolph mit der Kronprinzessin Stephanie langten Montag hier an, um sich von hier zur Jagd zu begeben. Der Empfang des kronprinzlichen Paares wird ein großartiger sein, da die Vorbereitungen schon seit lange mit großem Eifer betrieben wurden. Sehr begeistert sind die Juden Siebenbürgens wegen der Erscheinung des kronprinzlichen Paares. Und das ist kein Wunder. Seitdem das Buch des Kronprinzen Rudolph erschienen ist, welches auch seinen Reisebericht enthält, herrscht unter der gesammtcn Judcnheit Oesterreich-Ungarns, und gewiß auch unter den Inden anderer Staaten, das Gefühl inniger Dankbarkeit für einen Kronprinzen, der seiner judenfreundlichen Gesinnung so lebhaften Ausdruck gegeben. Man hat wohl jüdischerseits dem edlen Sohne unseres Herrschers aus diesem Grunde einen besonderen feierlichen Empfang bereiten wollen. Auf eine diesbezügliche nach Prag, dem gewöhnlichen Aufenthaltsorte des kronprinzlichen Paares, gerichtete Anfrage, soll Seine Hoheit Folgendes telegraphisch geantwortet haben: „Ich danke sehr für das freundliche Anerbieten der Judenheit Siebenbürgens, mich durch eine von ihnen besonders zu veranstaltende Empfangsfeierlichkeit anszuzeichnen. Doch bitte ich, hievon Massen zu wollen. Ich sehe nicht ein, warum eine freundliche Kundgebung für die Juden eine solche Auszeichnung verdient! Die Juden verdienen es ja, daß sie inmitten der übrigen Völker eine geachtete Stelle einnehmen. Ihre Vergangenheit ist eine glänzende, und ihre Gegenwart? — Run, trotz aller Verleumdungen böswilliger Menschen haben die Juden nichts gethan, um durch ihr Betragen in der Gegenwart ihre glänzende Vergangenheit zu verdunkeln. Sie sind treue Staatsbürger; sie sind nüchtern, arbeitsam und sparsam! Die Juden können sich meines Wohlwollens versichert halten!" — Soweit der Bericht. Wir wissen wohl nicht, bemerkt dazu die P. I. Ztg., der wir diese Mkttheilunq entnehmen, von welcher Seite die Anfrage an den Kronprinzen erfolgt ist; aber die kronprinzliche Antwort ist gewiß höchst erfreulich, die unser aller Anhänglichkeit für ihn und unser Herrscherhaus nur steigern muß! England. London, 2. Dezember. Allgemeiner Anerkennung und einer gebührenden Würdigung erfreut sich der Artikel des Revd. Dr. Hermann Adler, (Sohn und Rabbinatsvertreter unseres ehrwürdigen Herrn Oberrabbiners -"-u), welcher in der jüngsten Nummer der Monatschrift: „The ninteenth Century“ erschien, indem dessen Tendenz der leider modernen Zeitströmnilg, einen antisemitischen Angriff zu bekämpfen, entspricht. Es würde für die geehrten Leser des „Israelit" höchst interessant und für die begeisterten literarischen Vertreter unserer heiligen Sache zweckdienlich sein, wenn es uns gegönnt wäre, den Artikel seinen: ganzen Wortlaute nach übersetzen und behandeln zu können, wir müssen uns aber der Kürze halber darauf beschränken, nur einen Extract der Hauptargumente wiederzugeben. In belehrender, gediegener und scharfsinniger Weise tritt Herr Dr. Adler dem Professor Goldwin Smith nun zum zweiten Male entgegen; denn schon im April und Juli 1878 veröffentlicht der genannte Oxforder Professor einige judenfeindliche Artikel, welche von Herrn Dr. Adler ruhig und gelassen