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Der Israelit · 1881-12-14 · Heft 50 (14.12.1881) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 50 (14.12.1881)
Date
1881-12-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1244 sich nach Lydda. Hier fand er eine Zufluchtstätte in dem Hause eines Mannes Namens Nitsah. Boten wurden nunmehr ausgesandt, um die Ueberreste des Synhedriums dorthin zu berufen. Ach, es waren nur noch Wenige vorhanden! Die meisten Genossen Rabbi Akiba's waren entweder gestorben oder hatten den Märthretod erlitten, oder waren in ihren Verstecken nicht auszufinden. Von den Erschienenen werden uns Rabbi Tarphon und Rabbi Jose der Galiläer genannt. In einem Dachzimmer hielten die Weisen heimlich ihre Berathungen*). „Meine Freunde", redete Rabbi Akiba die Genossen an, „es ist eine Zeit der Noth für Jakob angebrochen. Wir aber sind hier nicht zusammengekommen, um zu klagen und zu jammern, sondern um den Ueberrest unseres Volkes vom Untergange zu retten. Wie einst der syrische König Antiochus Epiphanes, so hat der römische Kaiser die Ausübung der Gottesgebote mit dem Tode bedroht Dadurch wird der Ueberrest Israels dem Mordschwert der Römer überliefert. An uns ist es, die Söhne und Töchter unseres Volkes zu belehren, inwieweit sie verpflichtet sind, sich dem Tode hinzugeben und in welchen Fällen sie ihr Leben durch eine Gesetzesübertretung erhalten dürfen." „Du weißt, Akiba", sprach Rabbi Tarphon, „daß unser großer Lehrer Rabbi Elieser gelehrt hat, daß der Jude verpflichtet ist, sein Leben hinzugeben, ehe er sich zum Götzendieste zwingen läßt. Mit dem Götzendienste stehen die großen Sünden des Mordes und der Blutschande auf einer Stufe. Die Uebertretung dieser drei Verbote muß selbst mit Aufopferung des Lebens verhütet werden. Was nun die übrigen Gottesgebote betrifft, so ist es erlaubt, sie in Lebensgefahr zu umgehen oder zu übertreten, wie es heißt: Und Ihr sollt beobachten meine Gesetze und meine Rechte, welche üben soll der Mensch, daß er lebe durch sie — nicht aber, daß er sterbe durch sie"**). „„Wenn es aber"", sprach Rabbi Jose der Galiläer, „„sich darum handelt, die Juden von dem Gesetze Gottes abwendig zu machen, so ist es nicht gestattet, selbst das kleinste Gebot zu übertreten, um dadurch das Leben zu erkaufen. Deßhalb ist es an uns, die Söhne und Töchter unseres Volkes zu ermahnen, daß sie so heimlich als möglich die Gebote unseres Gates vollziehen, damit sie nicht mit den Römern in Conflict gerathen. Es mögen die Hütten am Hüttenfeste so eingerichtet werden, daß sie nicht *) Jerw'chalmi, Lcbebiit, (?. 4, Halachah 2. **) 3. B. M. 6. 18, V. 5. — Saudhedrin 74 a. auffallen. Es soll überhaupt alle Oeffentlichkeit so viel als möglich vermieden werden. Soll aber Jemand öffentlich zu einer Gesetzesübertretung gezwungen werden, und mag dieses Gesetz in Vergleich mit andern auch klein und unbedeutend erscheinen, so iff er verpflichtet, den Tod der Gesetzesverletzung vorzuziehen."" „Es ist so", sprach Rabbi Akiba, ..wie mein Freund Jose es dargelegt hat, und in diesem Sinne müssen wir den Ueberrest Juda's belehren. Aber noch Eins möchte ich Eurer Weisheit zu bedenken geben. Bei der Ausübung aller Gottesgebote können wir die Heimlichkeit empfehlen. Mag dann dieses oder jenes Gebot nicht erfüllt werden, so wird es desto sorgsamer geübt, wenn der Sturm, der uns jetzt bedroht, vorübergegangen sein wird. Aber Eines ist, welches keine Beschränkung erleiden darf, selbst zur Zeit der höchsten Noth und Gefahr. Das ist das Studium der heiligen Gotteslehre. Sollte es beschränkt werden, so müßte die Wurzel verkümmern, aus der in der Zukunft neues Leben emporsprießen wird. Die Pflege der Gotteslchre gleicht einer großen Kette, welche von der Offenbarung auf dem Sinai hinabreichen soll bis zu den spätesten Geschlechtern. Jedes Geschlecht bildet ein Glied in dieser großen Kette und verbindet die Zukunft mit der Vergangenheit. Wenn ein Geschlecht dieses heilige Studium veruachlässigeu würde, so wäre die Thora den Nachkommen verloren für alle Zeiten. Wohl ist im Judenthum die That das Höchste, wie unsere Lehrer uns belehrt haben, daß nicht das Lehren und Lernen die Hauptsache ist, sondern das Thun. Wenn Jemand lernt und nicht nach dem Gelernten handelt, so gleicht er einem Landmann, der da säet und nicht erndtet. Aber an und für sich genommen ist das Lernen wichtiger als das Thun; denn Niemand wüßte, was er thun sollte, wenn er nicht darüber belehrt würde. Deßhalb darf das Thoralernen nicht beschränkt werden; es darf auch nicht verheimlicht werden, selbst auf die Gefahr hin, daß die Lehrenden dem Mordschwerte der Tyrannen ausgeliefert werden." Da erhoben sich Alle und riefen einstimmig: „Fürwahr, das Lernen ist mehr als das Thun, denn durch das Lernen wird das Thun erst möglich!"*) (Fortsetzung folgt.) *) Midrasch Lchir Haichirim;u (>. 2, B. 14. Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des .Israelit" große Bleiche 45. I. Got 18 leben'8 Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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