Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1881)
- Date
- 1881-12-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1243 „Menascheh!" rief Bar Kochba dem Anführer der Kuthäer zu, „bist Du ein Verräther?" „Ich bin kein Verräther", antwortete der Kuthäer. „Dem Messias wollten wir Hilfe leisten. Du aber bist nicht der Gesandte des Herrn!" „Akiba", schrie Bar Kochba verzweistungsvoll, „Du hast mich vor dieser Lügenbrut gewarnt; o, hätte ich Deinen Worten nicht mein Ohr verschlossen!" Ein furchtbarer Kampf entspann sich nunmehr. Das Blut floß in Strömen. Bar Kochba verrichtete Heldenthaten. Römer und Kuthäer fielen unter den mächtigen Streichen seines furchtbaren Schwertes. Bald war das Haus erobert, der geheime Zugang entdeckt und verrammelt. Während Bar Kochba seine ganze Aufmerksamkeit diesem Punkte zugewandt hatte, war eine andere Abtheilung der Kuthäer unter Anführung Ephraims bemüht gewesen, den Römern das Thor zu öffnen. Aber sie hatten starke Gegenwehr gefunden, und waren zurückgeschlagen worden. Als Bar Kochba auf diesem Schauplatze des Kampfes erschien, war auch hier die Gefahr beseitigt. Zu gleicher Zeit jedoch hatte der römische Feldherr einen Sturm auf die Festung angeordnet. Die Kräfte der Belagerten waren zersplittert. Sie mußten gegen die Römer von außen und gegen die Kuthäer im Innern kämpfen. Da gelang es den römischen Sturmböcken eine Bresche zu brechen. Unaufhaltsam drangen die Römer durch dieselbe ein. In Bethar war Jeder zum Kämpfer geworden. Männer, Frauen und Kinder achteten ihr Leben für nichts und stellten sich in dichten Schaaren den eindringenden Römern entgegen. Da gab es ein furchtbares Gemetzel. An der Spitze seiner Treuen stand Bar Kochba und verrichtete Wunderdinge. Mit seiner Hand schleuderte er mächtige Steine gegen die Römer und zerschmetterte ihre Häupter. „Ben Kesiba", rief ihm Ephraim zu, „laß den nutzlosen Widerstand und ergib Dich!" „„Verräther!"" schrie Bar Kochba und schleuderte ein Felsstück nach seinem Haupte. Ephraim wankte getroffen und fiel. Im Fallen noch rief er: „Dein Oheim war unschuldig, und Du bist sein Mörder!" Als Var Kochba das vernahm, erzitterte er. „Wehe mir", sprach er, „ich bin verloren! O Gott, verzeih' mir meine Schuld und laß mich nicht in die Hand meiner Feinde fallen!" Var Kochba hatte sich mit feinem Rücken an eine Mauer gelehnt. Da stürzte eine an der Mauer zusammengeringelt liegende gewaltige Schlange zischend auf den Helden los, und ringelte sich um ihn im Augenblick. Entseelt fiel Bar Kochba zur Erde hin. Römer und Kuthäer erhoben ein Triumphgeschrei. Ein Kuthäer hieb dem Helden den Kopf ab, um ihn als Trophäe dem Kaiser zu überbringen. Den Juden entsank trotz des Todes ihres Anführers der Muth nicht. Wohl wußten sie, daß sie nicht mehr siegen konnten; aber sie wollten nicht in die Hände der Römer fallen: sie wollten sterben und sterbend das Blut ihrer Feinde vergießen. Da gab es eine Metzelei, wie die Weltgeschichte keine zweite kennt. 580,000 Juden und Jüdinnen, Greise und Kinder hatten sich in Bethar zusammengefunden: keiner von ihnen ergab sich; sie starben alle den Heldentod. Von den vielen tausend Kindern entkam außer noch einem Kinde nur Schimeon, der Sohn des Rabbon Gamliel, dem Tode. Ein alter Mann hatte ihn bei der Hand ergriffen und gesprochen: „Du darfst nicht sterben, Du Sprößling unseres Fürstenhauses." Dann hatte er ihn in ein verborgenes Kellergewölbe geführt und bei Anbruch der Nacht aus der Stadt geleitet. Wenn später Rabbon Schimeon ben Gamliel unter strömenden Thränen hiervon erzählte, so wandte er auf sich den Bibelvers an: Mein Auge weint um mich mehr als um alle meine Genossen (Echah C. 3, B. 51). — Auch er wäre lieber gestorben. Das schreckliche Elend zu überleben und zu schauen, warI schlimmer als der Tod. Die Römer hatten ebenfalls große Verluste, und als Hadrian die Einnahme von Bethar nach Rom berichtete, wagte er es nicht, die übliche Formel zu schreiben: „Ich und das Heer, wir befinden uns wohl", sondern sprach nur von seinem eigenen Wohlbefinden; er war in gehöriger Entfernung geblieben und hatte sich keiner Gefahr ausgesetzt. Hadrian verfuhr in voller Wuth gegen den Ueberrest der Juden. Tinius Rufus wurde als Blutrichter eingesetzt. Der halberbaute Tempel zu Jerusalem wurde auf's Neue zerstört und der Jupitertempel wieder aufgerichtet. Am Südthore der Stadt wurde, um die Juden zu ärgern, ein Schweinskopf aufgestellt; auch wurde ihnen bei Todesstrafe verboten, die Ringmauern der Stadt zu betreten. Auf die Ausübung der jüdischen Gebote, auf die Beschneidung, die Feier des Sabbats, die Beschäftigung mit der Thora, das Wohnen in Hütten am Laubhüttenfeste, das Anlegen der Phylakterien (Tephillin) wurden die schwersten Strafen gesetzt. Täglich wurden Männer und Frauen von den römischen Spionen zur Anzeige gebracht und der Beobachtung der jüdischen Religionsvorschriften angeklagt. Sie wurden unter den schrecklichsten Qualen hingerichtet. Rabbi Akiba sah das Elend seines Volkes und es ergriff Mitleid sein großes, edles Herz. Auf die Gefahr hin, von den Römern gefangen und hingerichtet zu werden, verließ er sein Versteck und begab