Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1881)
- Date
- 1881-12-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1241 Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 12. Dez. Die Rede des Dr. Jellinek bei der Trauerfeier auf dem Central-Friedhofe lautete: Kein Feuer, und loderte es noch so gewaltig, vermag die Nacht aufzuhellen, welche diese Särge einhüllt. Wie hieß der Todte, dessen Asche oder Leichnam jeder einzelne Sarg in sich birgt? Wir wissen es nicht! Welcher Familie ist er entsprossen? Wir kennen sie nicht! In welcher Confession ward er geboren? Niemand antwortet uns darauf. Und doch, welche innige Theilnahme und welche tiefe Trauer verbreiten diese namenlosen Särge, nicht blos in unsrer Residenz, sondern überall, wohin die Botschaft gedrungen ist, daß eine Stätte der Lust und Freude in einen rauchenden Altar sich verwandelte, auf welchem Hunderte von Menschen den Tod gefunden haben, den gemeinsamen Tod, einen grauenhaften Tod. Niemand fragt nach ihrem Namen und Rang, nach ihrer Herkunft und Religion: es waren Gatten, Gattinnen, Väter, Mütter, Söhne, Töchter, Jünglinge, Jungfrauen, denen Licht, Luft und Leben plötzlich quäl- und angstvoll genommen wurden. Und dieser gemeinsame Tod ist es, der diesen Brandopfern ein gemeinsames Grab bereitet. Das Leben trennte sie von einander, der Tod vereinigte sie, und verbunden im Tode soll die Erde zum ewigen Frieden sie anfnehmen. O, möge nicht vergebens ein gemeinsamer Tod sie ereilt, ein gemeinsames Grab sie ausgenommen haben! Möge derselbe Allen, welche von ihm Kunde erhielten, eine ernste Mahnung sein, pünktlich, streng und gewissenhaft das zu thun, was übernommene Pflichten und gewählter Beruf ihnen auferlegen; denn jede, auch die geringste Pflicht in der untergeordnetsten Lebensstellung ist heilig, jede, auch die geringste Vernachlässigung derselben kann Verheerung und Vernichtung anrichten; möge aus dein thränenfeuchten Staube, den diese Särge in sich bergen, und aus der gemeinsamen Erde, in welcher sie ruhen werden, der Baum des religiösen Friedens und der confessionellen Eintracht nicht blos im Tode, sondern auch im bewegten Leben emporsprießen; möge unsre Stadt, wie sie musterhaft durch ihre Wohlthätigkeit ohne Unterschied der Confession ist, auch allen Städten und Staaten vom heutigen Tage an voranleuchten durch edle Brüderlichkeit, welcher keine Sprache fremd ist, keine Konfession fernsteht: dann wird der Feuerschein in der Nacht des 8. December nicht blos zerstört und gelobtet, sondern auch in einer Zeit der Racenkämpfe und der confessionellen Zwietracht Frieden gestiftet und den Brudersinn belebt haben. Friede den Nahen, Friede den Fernen, spricht Gott, ich heile den Schmerz, lindere die Trauer, tröste die Betrübten, richte auf die Gebeugten. Wien. Der Kaufmann Nathan^ Goldstem, der Bruder des Cantors Goldstein, war mit feiner Frau und seiner sechszehnjährigen Tochter im Theater und gerieth mit seiner Frau in einen Knäuel, aus dem sie sich nicht losmachen konnten, da sich die Untenliegenden an sie klammerten. Ihre Tochter war schon von den Flammen ergriffen, wollte jedoch in ihrer Kindesliebe das Theater ohne ihre Eltern nicht verlassen. Ein Student erblickte sie, riß sie mit sich fort und warf sie, bei einem Fenster des dritten Stockwerks angelangt, in ein Rettungstuch. Das Mädchen wurde in ihre in der Großen Schiffgaffe Nr. 6 gelegene Wohnung gebracht, erlitt aber derartige Brandwunden, daß an ihrem Aufkommen gezweifelt wird. Ihre Eltern sind todt. Pefth, 17. Nov. Ein hiesiges politisches Blatt schreibt über den in vor Nr. erwähnten Erlaß des Ministers in Angelegenheit des Austritts aus der jüdischen Gemeinde: „Der ganze Gedanke von der Trennung in den jüdischen Gemeinden bedeutet im Grunde genommen nur die Wahrung der Gewissensfreiheit. Sobald die Orthodoxen erklärten, daß das Verbleiben im Verbände einer Kongreß- oder Statusquo-Gemeinde gegen ihre religiöse Ueberzeugung sei, mußte man ihnen den Austritt aus solchen Gemeinden ohne weiteres gestatten. Ist es kein himmelschreiendes Unrecht, wenn man ihnen wohl den Austritt gestattet, denselben aber nachträglich durch engherzige Ministerialerlasse unmöglich zu machen sucht! In der That werden die Orthodoxen fast so spöttisch behandelt wie die Juden von Pharao. Als diese ansuchten, daß man ihnen den Auszug gestatte, damit sie ihrem Gotte dienen könnten, erwiederte Pharao: „Gut! gut! Ihr könnet gehen, aber euer Vieh, euer Vermögen muß hier bleiben!" — Auch jetzt können die Orthodoxen aus der Gemeinde austreten, um ihren Gottesdienst ihrer Ueberzeugung gemäß einzurichten, doch das gesammte Vermögen muß bei der alten Gemeinde bleiben!" — Als beißender Spott muß es betrachtet werden, wenn munden Orthodoxen sagt: „Ihr habt durch eueren Austritt euer Recht an dem gemeinsamen Vermögen nicht eingebüßt! — Was hat man von einem „Rechte", das man trotz aller Anstrengung nicht zur Geltung bringen kann! Und nun lautet der neue Erlaß des