Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1881)
- Date
- 1881-12-07
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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1233 Palästina noch vor der Zerstörung des zweiten Tempels verlassen haben, noch heute der Polygamie huldigen. Indessen hat die Polygamie bei ihnen ihre gewissen Grenzen. Sie nehmen sich gewöhnlich zwei Frauen. Will dann Einer die Anzahl seiner Frauen vermehren, so darf er dies nur mit Einwilligung des Mari (Rabbiner) thun und muß dafür eine besondere Taxe entrichten. Die Anzahl der Frauen übersteigt jedoch nie sechs. Die zwei elfteren Frauen heißen jede „Sandsche" (Gattin), die zwei Letzteren „Alme" (Odaliske). Nach einer bestimmten Zeit rücken dann auch die Almes zu Saudsches vor. Aber alle diese sechs Frauen müssen dem Gatten ehelich angetraut werden und kann auch deren Entlassung nur durch einen Scheidebrief Taharir erfolgen. Der Mann erwirbt die Frauen gewöhnlich, indem er sie von ihren Eltern oder Anverwandten kauft. Keine Jüdin darf sich aber selbst verkaufen. Ebenso ist es den Juden verboten, Araberinnen zu kaufen oder zu verkaufen. Wie nun indische Blätter melden, wurde vor einigen Wochen ein Jude in der arabischen Stadt Nuftak beschuldigt, daß er. arabische Mädchen auf den Markt gebracht habe und er sollte verbrannt werden. Der Jude wies jedoch nach, daß die in i seinem Hause befindlichen vier Mädchen seine Bräute und von jüdischer Abkunft seien. Die moslemitische Bevölkerung gab sich mit dieser Erklärung zufrieden und ließ den vierfachen Bräutigam unbehelligt. Feuilleton.; Uus den papieren einer Schamch- Iamilie. Von Naphtali Simon. j (Fortsetzung.) s Die wenigen tiefer Blickenden aber erkannten sehr bald, daß durch diese schönen Predigten eigent- - lich wenig zur Hebung des religiösen Lebens gel leistet werde. Sie bewegten sich fast ausschließlich; auf dem Gebiete der allgemeinen Moral und entc hielten die Mahnung zu einem geachteten und tugend- - haften Wandel, wie cs den Israeliten geziemt. Nicht t die äußere Werkheiligkeit, sondern die fromme Gei sinnung sei das Gott Wohlgefällige — solche und ähnliche Sätze bildeten meistens den Grundgedanken der Rede. Eine Aeußerung zur Erfüllung der von Gott dem jüdischen Volke ertheilten besonderen Gebote, eine Erläuterung derselben, um in der Gemeinde das Verständniß des 'Judenthums zu fördern, t enthielten die Predigten aber niemals, t Auch bei dem Religionsunterrichte wurde nach i dieser Richtung hin nicht gewirkt. Nach einem > Katechismus der „systematischen Religionslehre"! wurde unterrichtet. Unsere Kinder lernten die sogej nannten Eigenschaften Gottes sehr systematisch, was > aber Gott von ihnen, als Juden verlange, blieb i ihnen zum großen Theile unklar. So schwand der alte jüdische Geist der Treue, des Gehorsams immer mehr, und es bemächtigte sich der Gemüther eine verworrene Anschauung voni Judenthum, welche in der Gleichgiltigkeit gegen das Gesetz ihren Ausdruck im Leben fand. Das Judenthum bestand nach der Meinung der Mehrheit unserer Gemeinde endlich nur noch in den: Glauben an einen einzigen Gott und in der Verpflichtung, von Zeit zu Zeit den Gottesdienst zu besuchen. Eigentliche Reformen, wie in anderen Gemeinden wurden nicht einaeführt. Es fehlte an jeglichem Interesse; das jüdische Gesetz war so wenig gekannt, daß man es nicht einmal theoretisch umzustürzen sich bemühte. Man ließ die alten Schochetim gewähren; bezahlte nach wie vor die Badefrau; — es war ja Niemand gezwungen, sich der Gemeindeanstalten zu bedienen, und Jeder that, was ihm gut schien. Am Grabe eines jeden geachteten Gemeindemitgliedes beklagte der Rabbiner den Tod eines wahrhaft frommen, gottesfürchtigen Israeliten und ermahnte die Hinterbliebenen in dessen Geist und frommer Gesinnung weiter zu leben. Daß dieser „wahrhaft fromme Israelit" die Sabbath- und Speisegesetze während seines ganzen Lebens außer Acht gelassen hatte, daran nahm Niemand, auch nicht einmal der Rabbiner, Anstoß. Das Ringen nach Emancipatiou, welches die gesammte deutsche Judenheit erfaßte, nahm auch iit unserer Gemeinde alle Bestrebungen und Wünsche so ganz in Anspruch, daß die Erlangung dieser Emancipation als das einzige Begehrenswerthe erschien. Mit der Emancipatiou, so glaubten Viele, wenn nicht die weiften der Gebildeten, sei auch die eigenthümliche Stellung der Juden zu der gesummten Menschheit gelöst; für die Emancipatiou dürfe, solle man jegliches Opfer bringen; die Thora stände mit ihrem Gesetze den Emancipationsbedingnngen nach; ja, das ganze Judenthum sei eigentlich nur eine Vorbereitung für die Emancipatiou. Unklare Vorstellungen verwirrten die Anschauungen sonst verständiger Männer, welche allen Ernstes sich der Meinung Hingaben, es werden nunmehr in dem vielgepriesenen neunzehnten Jahrhundert die erleuchteten Regierungen und das aufgeklärte deutsche Volk die Sonderheiten des Ehriftenthums ablegen, um mit den „gebildeten Juden" zusammen eine neue Religionsgemeinschaft zu bilden, welcher die neuesten Sätze der Philosophie als Glaubensgrundsätze dieneil.