Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1881)
- Date
- 1881-12-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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1222 möglichst objectiv zu behandeln, unbeeinflußt von der Stellung, welche er persönlich zu den das Judenthum der Gegenwart bewegenden Fragen einnimmt," können wir ihm ohne Rückhalt ausstellen. Der Verf. berichtet nur, seine Persönlichkeit läßt er ganz in den Hintergrund zurücktreten, mit seinem Urtheil hält er zurück, und dies hat für manche Verhältnisse, namentlich wenn wir das Buch uns als Schulbuch denken, seine Vortheile. Aber ganz ist die Objectivität doch nicht gewahrt, und wenn uns das auch nicht in dem hervortritt, was der Vers, sagt, so aber doch indem, was er verschweigt. Licht und Schatten sind in dieser Beziehung nicht gerecht vertheilt. Wenn z. B. der Verf. die literarische Thätigkeit Geigers, Fürft's, Lebrechts, Löw's, wenn auch in wenigen Worten abee doch ziemlich erschöpfend zu geben bemüht ist, so macht es einen merkwürdigen Eindruck, wenn er von Sams. Ras. Hirsch nichts Anderes zu berichten weiß, als daß er die entschieden rabbinische Richtung „außer in ältern, gegen Geiger u. s. w. gerichteten Schriften in der von ihm seit mehreren Jahren herausgegebenen Monatsschrift Jeschurun" vertheidigt. Daß dieses einen ganz falschen Begriff von der Thätigkeit dieses Mannes gibt, indem dieselbe einzig in die Defensivlinie gestellt wird, liegt auf der Hand. Daß Männer, wie Ettlinger und Bamberger , deren literarische Thätigkeit gewiß nicht vor der Löw's und Lebrechts zurücksteht, keinen Platz in diesem „Lehrbuche" gefunden haben, gibt zu denken. Es hätte dem Buche zur Zierde gereicht, wenn die Objectivität nach allen Seiten hin gewahrt worden wäre. „Moses Mendelssohns Schriften zur Philosophie, Aesthetik und Apologetik." Herausgeqeben von vr. Moritz Brasch. I. Band. Leipzig 1880. (Voß.) LXXXX u. 837 S. 8°. Die Hetze war noch in ihrer üppigsten Blüthe, als vorliegender Band als erster der M/schen Schriften erschien. Dieses Zusammentreffen ist nicht ohne Bedeutung; die Werke dieses Philosophen sind die edelste und schönste Antwort auf die gemeinen Anklagen, welche die Böswilligkeit gegen die Juden unv deren schädlichen Einfluß auf die germanische Gesellschaft erhebt. Mendelssohn ist nicht der Schöpfer eines neuen philosophischen Systems gewesen, hat als Philosoph nicht eine Schule gebildet, und doch steht er heute noch unvergessen da, doch besitzen seine Schriften noch so viel Anziehungskraft, erregen noch so viel Interesse, daß eine neue Auflage derselben heute auf dem Büchermärkte erscheint. Was nun den M.'schen Schriften die ewige Frische und den ewigjungen Reiz verleiht, ist dasjenige, was M. zu einer so großen Bedeutung erhoben hat: das Hinaustragen tief philosophischer Fragen aus dem engen Raume der Schulstube auf den Markt des Lebens. Er hat die Philosophie populär gemacht, und das ist ihm in solchem Maße gut gelungen, daß seine Zeitgenossen ihn mit Plato und Xenophon verglichen haben. Es ist charakteristisch, daß es ein Jude war, der zuerst in Deutschland philosophische Fragen in ein solches Gewand kleidete, daß sie zum Allgemeingut werden konnte. Hier haben wir es mit dem jüdischen Einfluß zu thun, der in Deutschland sich geltend gemacht hat, und diesen Einfluß wird man wohl nicht bedauern. Denn es ist ein eminent jüdischer Gedanke, ein in jüdischer Anschauung wurzelnder Grundsatz, daß das Wissen und die Wissenschaft, und behandle sie auch die tiefsten Probleme, sich nicht auf einen abgeschlossenen Kreis von Auserwählten beschränken dürfe, sondern zum Eigenthum der Gesammtheit gemacht werden müsse. Die Sprache aber, in welche Mendelssohn seine philosophischen Untersuchungen gekleidet hat, ist geradezu klassisch, ein Muster für alle Späteren, und das ist der zweite Grund, welche seinen Schriften den ewigjungen Reiz verleiht. Dieses Urtheil fällt kein Geringerer als Kant. „Man soll," so schreibt der große Königsberger Denker, „zwar ebensowenig allen Verfassern Einen Stil, wie allen Bäumen Eine Rinde wünschen; aber dennoch scheint uns Mendelssohns Schreibart für die Philosophie die zuträglichste zu sein. So frei von aller Sucht nach blendendem Schmuck und doch so elegant; so scharfsinnig und doch so deutlich; so wenig aus Rührung dem Scheine nach arbeitend und doch so eindringend. Wenn sich die Muse der Philosophie eine Sprache erkiesen sollte, so würde sie diese wählen". Gleiches Lob ertheilen dieser Sprache andere hervorragende Zeitgenossen. Ein solches Urtheil aus solchem Munde ist auch für unsre Zeit bedeutungsvoll, wo man es gewagt hat, Männern das Recht abzusprechen, über die wahre Reinheit der deutschen Sprache ein Urtheil abzugeben, weil sie „vaterlandslose Juden" seien. Der vorliegende Band enthält 1) die Gespräche, 2) die preisgekrönte Schrift: Ueber die Evidenz in metaphysischen Wissenschaften, 3) Ueber die Wahrscheinlichkeit, 4) Phädon, 5) von der Unkörperlichkeit der Seele, 6) Morgenstunden, 7) an die Freunde Lessings, 8) Sache Gottes oder die gerettete Vorsehung. Der bewährte Herausgeber bietet durch Einleitungen zu den betreffenden Abhandlungen und Notizen dem Leser eine dankenswerthe Erleichterung für das Verständniß der Lectüre und bereitet ihn für das Studium der Mendelssohn'schen Schriften durch eine lichtvolle Charakteristik Mendelssohns trefflich vor. Die Verlagsbuchhandlung hat für eine schöne Ausstattung des Werkes gesorgt.