Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1881)
- Date
- 1881-12-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1218 Feuilleton. Miöa. | XXXXVIII. | Ephraim war nach Bethar zurückgekehrt. Er suchte seinen Herrn und fand ihn nicht zu Hause. Dieser hatte in jüngster Zeit, um jeden Verdacht des Verrathes von sich abzulenken, eine große Hinneigung zum Judenthum geheuchelt. Deßhalb besuchte er regelmäßig, Morgens, Mittags und Abends die große Synagoge von Bethar' Hier auch suchte ihn sein Diener Ephraim. Aber der Gottesdienst war schon zu Ende und die Synagoge war leer. Nur einen Beter fand Ephraim in dem weiten Raume; es war Rabbi Elaser Hamudai, der in heißer Andacht um die Rettung der Stadt zu Gott betete. „Dieser alte Narr", sprach Ephraim vor sich hin, „ich glaube, er ist so in Andacht versunken, daß, wenn die Römer die Stadt erobern würden, er nichts davon bemerken möchte. Ich will auch einmal versuchen, ob es mir gelingen wird, seine Aufmerksamkeit zu erregen." Er trat nahe an den Betenden hinan und flüsterte ihm in's Ohr: „Du alter Narr, was machst Du da? Deine Gebete werden die Stadt nicht retten! Die Römer werden eindringen und das Blut wird in Strömen fließen." Ephraim hatte richtig geurtheilt; Rabbi Elaser hörte gar nicht, was er sprach. Unterdeß trat der Synagogendiener ein, um die Synagoge zu schließen. Ihm kam es vor, wie wenn Rabbi Elaser mit dem Kuthäer in eifrigem Zwiegespräch gewesen wäre. Der Synagogendiener wartete ruhig; Ephraim aber verließ die Synagoge und begab sich wiederum in die Wohnung seines Herrn, den er nunmehr zu Hause fand. „Ah", rief Menascheh, „bist Du glücklich zurückgekehrt? Mit Sehnsucht habe ich Deine Rückkehr erwartet. Sprich, was hast Du ausgerichtet?" „„Ich habe Dir eine große Nachricht zu verkünden. Kaiser Hadrian selbst ist im Lager."" „Und Du hast ihn gesprochen?" „„Ich wurde vor ihn geführt und sehr gnädig j von ihm empfangen. Er gesteht Alles zu, was wir wünschen. Binnen drei Tagen werden die Römer in der Stadt sein. Wir und die Unsrigen sollen uns ihnen durch weiße Binden an den Armen kenntlich machen. Dann wollen wir gemeinsam die Thore öffnen und dem römischen Heere den Eingang erniöglichen. Verzeihung, Schonung und weitgehende Privilegien für alle Samaritaner — das soll unser Lohn sein. Der Kaiser sendet Dir, o Herr, seinen besondern Gruß. Er wird Dich hoch erheben und mit Ehren und Würden auszeichnen."" „Das sind ja herrliche Nachrichten, die Du mir bringst. Hier nimm diesen Beutel mit Goldstücken als vorläufigen Lohn. Später werde ich Dich noch reichlicher zu belohnen wissen." Ephraim küßte seinem Herrn dankbar die Hand. Dann begab er sich in ein Weinhaus, um sich beim Becher für die gehabten Strapatzen zu entschädigen. Hier fand er viele Zechgenossen, Kuthäer und Juden, welche sich von der Lage der Stadt unterhielten. „Es steht schlimm um die Römer," sagte Achijah, ein jüdischer Hauptmann. „Ich hatte die Wache am Wartthum, und wir konnten sehen, wie eine unabsehbare Reihe von Leichen zum Lager hinausgetragen und verscharrt wurde." „„Sie werden es nicht lange mehr aushalten"", sagte Abner, ein anderer Hauptmann: „„Hoffentlich werden sie bald abziehen und uns in Ruhe lassen."" „Wenn Sie abziehen", ries Asriel, ein jüdischer Soldat, „so werden wir sie verfolgen und wie die Würgengel hinter ihnen herziehen. Dann wird ihr Abzug in wilde Flucht ausarten, und wir werden sie vernichten wie Gideon einst die Midianiter vernichtete. Ihre Anführer werden in unsere Hände fallen wie Oreb und Seeb, wie Sebach und Zalmunah." Unterdeß hatte Ephraim einen Becher nach dem andern geleert. Der schwere Wein, den er der Gewohnheit zuwider unvermifcht trank, war ihm zu Kopfe gestiegen. Jetzt sprang er auf und rief: „Thörichtes Geschwätz! Nicht lange wird es währen, und die Römer werden in die Stadt einziehen, sie zerstören, und Eure Leichname den Thieren des Feldes und den Vögeln des Himmels preisgeben!" Alle Gäste erhoben sich und sprangen auf Ephraim los. „Verfluchter Kuthäer", rief Achijah, „Du bist ein Verräther! Du stirbst in meiner Hand!" Tie andern Kuthäer eilten herbei, um ihren Glaubensgenossen zu schützen. „Laß ihn los, Achijah", schrie Abimelech, ein kuthäischer Hauptmann. „Ich kenne ihn, er ist ein Diener unsres Feldherrn Menascheh. Krümme ihm kein Haar, sonst stirbst Du von meiner Hand!" „Ruhe, Friede", rief Abner dazwischentretend. „Soll es zu einem Kampfe kommen zwischen Inden und Kuthäern? Sollen wir uns einander morden und den Römern dadurch die Eroberung der Stadt erleichtern?"