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Der Israelit · 1881-11-30 · Heft 48 (30.11.1881) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 48 (30.11.1881)
Date
1881-11-30
Page
– (sequence 19)
Language
German
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1207 Ihnen regelmäßig schreibe; ich komme nur selten dazu, einen Augenblick der Ruhe zu finden. Wir beginnen officiell um 8 Uhr Morgens und enden ossiciell mit Sonnenuntergang, aber officiös ist es anders; um 6 Uhr Morgens höre ich schon das Gemurmel der vor der Thür und im Hose augehäufteu Menge; ich stehe auf und schreibe in Eile einige Briefe, die ich zu beenden keine Zeit finde und die ich am anderen Tage wieder beginne, um es am folgenden Tage ebenso zu machen. Ich steige die Korridore hinab, trete zu meinen Gehilfen ein, deren Zimmer bereits von Bittstellern gefüllt sind. Es ist noch nicht das Schlimmste, wenn man es mit Mäunern zu thun hat, aber wenn es Frauen sind, Mütter, welche Kinder in ihrem Schooße halten! Ich gebe im Hotel gar keine Audienz mehr, und wir haben drei ziemlich weit von einander und vom kentrum der Stadt entfernt gelegene Bureaux. Aber Jeder findet seine Lage als die' dringendste, Jeder will der Erste sein, und man verliert umsoviel mehr die Zeit beim Sprechen, als man sie zum Handeln braucht. An einem anderen Tage gab es vor meinem Bureau eine solche Menge, daß ich fast eine Stunde brauchte, um hineinzukommen; gestern Abend habe ich mich erst sehr spät in die Straßen wageil könneli, um etwas Luft zu schöpfen; bei meiner Rückkehr fand ich den Corridor voll von Menschen und mußte die Arbeit wieder aufnehmen. Diese Leute gaben etwas den Bedienten, den Wächtern, den Gensdarmen, welche die Polizei täglich schickt, um die Straße für den Berkehr frei zu halten, und wenn man glaubt, daß das Haus leer sei, gibt es immer noch einige Dutzende. Man würde manchmal lachen, wenn man nicht mitten in diesem Elend das Herz voll Mitleid hätte. Ich wollte nicht oder vielmehr ich könnte nicht diese Arbeit lange machen; die Aufregungen sind zu stark, aber ich hoffe, daß unsere Listen in 20 Tagen beendigt sein werden und daß dann meine Gehilfen ohne mich die Besitzer von guten Nummern werden expediren können; die übrigen müssen repatriirk werden." Behufs Bertheilung von Unterstützungen am Orte suche ich ein Specialbureau zu errichten, in welchem Etwas durch Bonds gegeben werden könnte; es ist hier nicht leicht zu geben, ohne ansgebeutet zu werden. Wenn man mir einen ehrlichen Diener aus Deutschland schicken könnte, um dieses Bureau und diese Kasse zu führen, so wäre es nützlich. Ich schreibe hierüber an Dr. Landsberg. Man muß durchaus in klaren und bestimmten Worten die Emigration aufhalten und, Angesichts der Lage von Brody, auf die Folgen derselben Hinweisen, sonst haben wir hier alle Bettler des russischen Reiches, und was dann? Wie soll man die Guten von den Schlechten unterscheiden? Letztere drängen sich in der Menge vor und die Ersteren gelangen nicht mehr zu uns; dies ist schon vorgekommen. Gestern brauchte ich eine Stunde Zeit, um durch die Menge hindurch, die mir den Weg versperrte, zu meinem Bureau zu gelangen; zwei Mal bin ich buchstäblich in die Höhe gehoben worden. Wenn nur der Gesundheitszustand der Stadt gut bliebe! Ich zittere bei dein Gedanken an eine Epidemie, die unter diesen Massen von Unglücklichen ausbrechen könnte! Wenn die Külte kommen wird, werden die Leiden schrecklich sein. Uud die Fluth steigt täglich! Mau muß sie durchaus und so schnell als möglich anshalten, sonst droht eine Katastrophe. Ich hoffe, daß mau uns in den Stand setzen wird, allen diesen armen Leuten beizustehen und zu Helsen." Seitdem hat Herr Netter die Bertheilung von Lebensmitteln für alle Flüchtlinge organisirt und ebenso Maßregeln ergriffen, damit sie sich wärmen können. Die Kälte ist in Brodv schon sehr streng. Bis jetzt wurden folgende Expeditionen ausgesührt: Bon Antwerpen: 10. Sept. 46 Personen, 14. Sept. 82, 17. Sept. 41, 1. Oct. 182, 22. Oct. 285, 29. Oct. 218; von Hamburg: 80. Oct. 162, 9. Nov. 248, zusammen 1,124 Pecsonen. (Die Israeliten von Bulgarien und Marocco.) Mau erinnert sich, daß die Israeliten von Samakoff au den Fürsten eine Bittschrift wegen Verlegung des Wochenmarktes vom Samstag auf einen anderen Tag gerichtet haben; die Angelegenheit ist noch in der Schwebe; wie es scheint, will der Fürst sich damit nicht befassen und soll die Entscheidung den Städten überlassen haben. — Mau schreibt uns, daß die Israeliten von Bulgarien sich freuen, ihre Söhne am activen Militärdienst theilnehmen zu sehen, die in ihrer Behandlung nicht den geringsten Unterschied von den Soldaten anderer Eulte wahrzunehmen haben. Anläßlich des Ramadanfestes, der Zeit der religiösen Aufregung, haben in der Umgegend von Mogador einige Excesse der muselmännischen Bevölkerung gegen die Juden stattgefunden; der französische Konsul daselbst hat bei dem Gouverneur der Stadt Schritte gethan und volle Genugthuung erlangt. Amerika. Washington. Wie die „Daily News" mittheilt, erwartet man, daß 5000 exilirte russische Juden während des Winters in der Union ankommen werden. 160 trafen am 15. d.j M. in Newyork ein und 250 andere sind unterwegs.

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