Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1881)
- Date
- 1881-11-30
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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1208 Feuilleton. Uus den 'Aapieren einer Schamch- Jamilie. Lon Naphtali Simon. V. Die Alten wurden schwächer; ihre Reihen lichteten sich von Jahr zu Jahr. Die Jungen wurden älter und traten an ihre Stelle; aber in ihnen lebte nicht der fromme eimt der Alten, denen die Thora Gottes Gesetz in Wahrheit gewesen, und die keine andere Sorge gekannt', als den Lorschristen der Religion gemäß das Leben im Hanse und in der Gemeinde zu gestalten. Ich bin nicht blind für die Fehler der Alten, aber wo sie fehlten, da irrten sie nach der Weise aller Menschen, deren Ginsicht zu beschränkt und bereu Urtheil fehlsain ist. Sie hatten aber stets die Wahrheit vor Augen und strebten zu ihr hinan. Sie irrten wohl in Fragen der Zweckmäßigkeit, in der Benrtheilnng der Mittel und Wege, in der Grkenntniß des Zeitbedürfnisses — aber das Ziel war ihnen klar, aber ihrer Aufgabe waren sie voll und ganz bewußt. Gottes heiliges Gesetz — das Judenthum, wie es in Bibel und Talmud überliefert ist, und wie es nach den Normen des Schulchan-Aruch seine praktische Verwirklichung im Volksleben findet — war die feste Basis und zugleich das von der Höhe ihnen entgegenleuchtende Ziel. Nicht also die Neuen, die Reformer. Ihr Standpunkt ist ein nichtiger. Sie haben kein festes Princip. Sie verleugnen das alte Jndenthum, aber sie wissen an dessen Stelle nichts anderes zu fetzen. Ihr Streben geht dahin, den Gottesdienst, in welchem sie die einzige Vethätignng ihrer religiösen Ueberzeugung suchen, nach Willkür zu verändern, um dadurch eine Ausgleichung des Lebens mit der Lehre herbeizuführen. Gs handelt sich aber in Wirklichkeit gar nicht mit eine solche. Denn nicht das „Leben" ist bei ihnen das Modifizirende, sondern die „Lehre." -Unser Oberrabbiner war hochbetagt und vermochte nicht mehr seines hohen Amtes zu walten. Der Vorstand, welcher jetzt zum großen Theile aus „Aufgeklärten" bestand, bewilligte ihm den vollen Gehalt als Pension. Wiederum standen wir vor einer Rabbinerwahl; aber wie harten sich seit der letzten die Verhältnisse so gänzlich verändert'. Damals vor wenigen Jahren, hatten die Orthodoxen das Uebergewicht und konnten, unbekümmert um gegeutheilige Wünsche, die Wahl nach ihrem Belieben lenken. Die „Aufgeklärten" hatten sicp bittend an sie zu wenden und ihrer Bitte war kein. Gehör gegeben worden. Heute aber fühlten sich die „Orthodoxen" schon so schwach, daß sie kaum zu bitten wagten und froh waren, daß der „aufgeklärte" Theil der Gemeindeverwaltung freiwillig darauf verzichtete einen Vertreter der „extrem reformatorischen Partei" zu wühlen und sich dagegen mit einem Rabbiner „des gemüßigten Fortschritts" begnügte. Ich habe häufig über die Namen nachgedacht, welche in der Gegemvart zur Vezeichnnng der verschiedenen Parteien gebraucht werden und bin der Ansicht, daß nur wenige dieser unterscheidenden Bcnenuungen dem eigentlichen Wesen entsprechen. Als zuerst von den Gegnern derjenigen Inden, welche das Religionsgesetz getreulich beachteten, der Name Orthodoxe auf sie angewendet wurde und zwar damals in der Absicht, dadurch den „Frommen" einen Spott oder Hohn zu erweisen, bat ich einen Sprachgelehrten um Erklärung dieses Wortes. Dadurch erfuhr ich, daß es ans dem Griechischen stamme und buchstäblich „Rechtgläubige" bedeute. Gr sagte mir, daß man in der Kirchenlehre unter orthodox dasjenige verstünde, was der alten Religionslehre entspreche, also altkirchlich oder echtkirchlich. Ja das sind doch die „Frommen", meinte id:, „und ich begreife nicht den Spott, welcher damit verbunden sein soll." „Ich auch nicht," entgegnen mein Ansknuftgeber, „es sei denn, daß man den Nebenbegriff der Starrheit und damit der Dummheit, der Unselbstständigkeit des Geistes, Hervorkehrer will." „Immerhin!"—dachte ich, „gegenGottes Weisheit verschwindet der Menschen Witz. Wir wollen uns getrost „orthodox" nennen lassen und uns selbe so nennen." Unter „Reform" versteht man, wie ich belehr: wurde, „Umgestaltung", namentlich aber ans religiösem Gebiete nach Maßgabe der Bezeichnungen: Reformation, Reformirte, die Wiederherstellung de: reinen Lehre, des echten Glaubens. Ich habe mich aber vergebens bis jetzt bemübt.p in den Bestrebungen der Reform etwas Position zu entdecken. Althergebrachte Ordnungen werdest abgeschafft, Principien des Judenthums werden an leugnet, aber mit Ausnahme einiger neuen Forme' im öffentlichen Gottesdienste habe ich, eine „Umr. ftaltnng" nicht finden können. Bon einer „Wiede. Herstellung" kann gar nicht die Rede fein. Planlos wie cs der Augenblick, oder die zufällige Geschmack-?