Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1881-11-30 · Heft 48 (30.11.1881) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 48 (30.11.1881)
Date
1881-11-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2447850-2447894--18259-2474294
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1196 angeschlossen hatten. Sie hatten auf Sieg und Macht und Reichthümer gehofft, hatten von Bar Kochba Freiheit und Unabhängigkeit erwartet, und nun waren sie in all ihren Erwartungen betrogen worden. „Wie lange noch," sprach eines Tages der Diener des Menascheh, Ephraim hieß er, zu seinem Herrn, „wie lange noch sollen wir das Elend dieser Belagerung ertragen?" „Ich würde gern", antwortete Menascheh, „mit den Römern Frieden schließen und mich ihnen unterwerfen. Aber Bar Kochba will davon nichts hören. Gestern in der Rathsversammlung sprach der Oheim des Königs, Elasar Hamudai, sehr eifrig für den Friedensschluß; aber der König fuhr ihn hart an und sprach: So macht Ihr es, Ihr Schriftgelehrten! Schon Rabbi Jochanan bcn Sackai ist aus dem belagerten Jerusalem heimlich zu den Römern entwichen. Nein, wer nur von Frieden spricht und Unterwerfung, der sei des Todes! — Ich hütete mich, ein Wort zu sagen und zu offenbaren, daß ich im Grunde meines Herzens mit den jüdischen Schriftgelehrten übereinstimme." „„Herr"", sagte Ephraim, „„wenn wir uns nun heimlich mit den Römern in Verbindung setzten und ihnen unsre Hilfe versprächen; wir würden für die Unsrigen sehr günstige Friedensbedingungen erlangen."" „Mit ganzem Herzen würde ich aus einen solchen Plan eingehen; aber wie wäre das zu bewerkstelligen? Die Juden sind mißtrauisch gegen uns und beobachten uns auf das Schärfste. Wie könnten wir eine Botschaft zu den Römern gelangen lassen?" „„Herr, ich bin in Bethar geboren, und kenne die'Stadt auf's Genauste. Diese Stadt ist vor langer Zeit von den Römern gegründet und befestigt , worden. Du weißt, daß die Römer in ihren Festungen ' unterirdische Gänge anzulegen pflegen, um im Falle , einer Belagerung die Verbindung mit der Außenwelt j sich zu erhalten. Einst spielte ich mit meinen Schulkameraden in dem Keller eines Hauses dieser Stadt.! Wir fanden eine Fallthüre, hoben sie aus und be-! traten eine Treppe, die in die Tiefe führte. Dann > kamen wir in einen Gang, der sich weit hinzog, all- , mählich nach auswärts führte, und als wir am Ende i desselben eine eiserne Platte in die Höhe drückten, stiegen wir, weit von der Stadt, in einem Gehölze ans Tageslicht empor. Wir verschlossen wiederum den Gang und begaben uns durch denselben in den Keller zurück. Wir mußten uns wohl erkältet haben in dem kalten, unterirdischen Raum; denn ich und! meine drei Genossen, wir erkrankten sämmtlich an i der Halsbräune. Die drei andern Knaben starben, I und so bin ich der Einzige, der von dem Dasein! jenes unterirdischen Ganges Kenntniß hat. Wenn Du! es wünschest und befiehlst, so will ich mich auf diesem j Wege zu den Römern begeben und ihnen Deine Bot-! schüft ausrichten."" j „Wahrlich", sprach der Anführer der Kuthäer, „da ^eigt sich für uns und die Unfern ein Weg der Rettung. Vor allen Dingen aber führe mich nach jenem Hause, damit, wenn Dir ein Unheil zu-! stoßen sollte, die Kenntniß des unterirdischen Ganges nicht verloren gehe." Das Haus, von welchem Ephraim gesprochen hatte, war im Besitze eines Kuthäers und so fiel es Niemanden! auf, als Menascheh dorthin sein Quartier verlegte. Er ließ sich von seinem Diener in den Keller führen und fand Alles so, wie es Ephraim berichtet hatte. Dann setzte er einen Brief auf, in welchem er versprach, den Römern die Stadt zu überliefern, sobald Julius Severus ihm und den Seinen freien Abzug und sämmtlichen Kuthäern vollständige Gnade und Verzeihung zusichern würde. Mit diesem Briefe machte sich Ephraim auf, um das Heerlager der Römer zu erreichen. Der römische Feldherr war der langen Belagerung längst müde. Da die Römer die Gegend! weit und breit verwüstet hatten, so mußten die I Lebensmittel für das gewaltige Heer aus weiter! Ferne herbeigeschafft werden. Dadurch mangelte es; häufig an dem Nothwendigsten. Krankheiten waren j in den Reihen der Römer ausgebrochen, und eine! große Anzahl der Legionäre waren ihnen erlegen.! Da hatte Julius Severus eine Gesandtschaft nach Rom geschickt und den Kaiser bitten lassen, ihm zu gestatten, die unnütze und aufreibende Belagerung auszuheben. Statt aller Antwort hatte sich Hadrian selbst nach Palästina begeben, um persönlich die Belagerung zu leiten und womöglich die Unterwerfung der Juden zu vollenden. Bald jedoch hatte sich der Kaiser überzeugt, daß sein bewährter Feldherr im Rechte, daß Bethar uneinnehmbar war. Schon hatte auch er den Entschluß gefaßt, das Unmöglichscheinende zu unterlassen und von Bethar abzuziehen. Da führten die Soldaten einen Gefangenen herbei, der Botschaft brachte aus der belagerten Stadt. Der Gefangene war der Kuthäer Ephraim. (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redactton: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des .Israelit" große Bleiche 45. I. Gottsleben'- Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.