Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1881)
- Date
- 1881-11-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447850-2447894--18258-2474293- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1195 Fcldschlacht zu bekämpfen. Zu ihm stießen 10,000 Kuthäer unter der Anführung ihres Häuptlings Menascheh. Die beiden Feldherren umarmten sich im Angesichte der beiden Herre unter dem jubelnden Zurufe der Menge. Da kam ein Bote, staubbedeckt, mit zerrissenen Kleidern. Er warf sich vor Kochba nieder und rief: „Ich bringe schlimme Nachrichten, o Herr! Die Römer sind mitten in der Nacht in Seconia eingefallen, haben die Einwohner erschlagen, haben geraubt und geplündert und die Stadt verbrannt; ich allein bin entronnen, um es Dir zu verkünden!" Kaum hatte der Mann zu Ende gesprochen, als ein Anderer kam, in ähnlichem Zustande, von einer andern Stadt, ähnliche Nachrichten bringend. _ Und Einer folgte dem Andern, die Unglücksbotschaften nahmen kein Ende, und die Krieger vernahmen sie und erhoben ihre Stimme und weinten. Dann kamen' große Schaaren von Flüchtlingen, die vor den Römern her flohen; sie wußten nicht genug zu erzählen von der Größe und Stärke des römischen Heeres, das da die Fläche des Landes bedeckte, so zahlreich wie wenn die Heuschreckenplage hindurchzieht. „König von Israel", sprach Menascheh, der Anführer der Kuthäer, „wir dürfen der überlegenen Streitmacht der Römer nicht entgegenziehen; wir können keine offene Feldschlacht wagen; wir wären verloren. Unsre Krieger sind noch ungeübt und Severus führt uns Männer entgegen, die in hundert Schlachten erprobt sind. — Aber im Laufe der Zeit wird die große Menge des römischen Heeres ihm selbst zum Verderben gereichen. Hunger und Krankheit wird in seinen Reihen ausbrechen, sie entmuthigen und am Ende vernichten. Wir aber wollen uns nach Bethar zurückziehen. Die Stadt ist groß und wohlbefestigt. Ungeheure Vorräthe sind dort aufgehäuft und werden nicht allein uns und unsre Krieger, sondern auch Alle, die dorthin fluchten, vor dem Hunger schützen. Die Römer aber mögen sich vor den festen Mauern von Bethar die Köpfe einrennen." „„Dein Rath ist gut"", antwortete Bar Koch- 1 ba; „„wir ziehen nach Bethar."" 1 Bald war Jerusalem wieder eine verlassene 8 Stadt. Es währte nicht lange, so zogen die Römer 8 ein und zerstörten die Mauern des heiligen Tempels, 8 die kurz zuvor neu aufgerichtet waren. — Alle feste 8 Städte, welche die Juden erobert hatten, fielen wie- 8 derum in die Hände der Römer, welche die Ein- 8 wohner erschlugen. Nur Wenige entkamen. Einige 8 flohen ins Gebirge und verbargen sich in Felsen- 8 Höhlen, Andere begaben sich nach Bethar, wo man 8 sie freundlich aufnahm und ihnen von den aufgehäuf- 8 ten Nahrungsmitteln zukommen ließ. In der Stadt Bethar selbst herrschte ein fröhlicher Muth; die Bewohner vertrauten aus die Stärke ihrer Festungsmauern und auf den Heldenmuth ihres Anführers, Bar Kochba. Dieser war überall und lenkte und leitete Alles. Tag und Nacht wurde gearbeitet, um die Wälle zu erhöhen und die festen Mauern noch fester zu machen. Voll Zuversicht thaten die Bewohner von Bethar und die Krieger aus Bar Kochba's Heer Alles, was ihr bewährter Feldherr anordnete. Es war gar nicht denkbar, daß die Römer die Stadt erobern konnten. Die Mauern ragten gen Himmel empor und waren unübersteiglich; auch waren sie so fest, daß sie den Wurfgeschossen und Sturmböcken der Römer Widerstand leisteten. Wollten aber die Feinde Sturmleitern anlegen, so wurde von der Mauer herniedergeschossen und Jeder getödtet, der sich zu nahe heranwagte. Die Begeisterung der Krieger und Einwohner von Bethar hatte sich sogar den Kindern mitgetheilt. Einst ritt Bar Kochba durch die Stadt, als gerade die Schulen aus waren. Tausende von Kindern umringten sein Pferd und riefen: Heil, König von Israel! — Und ein Knabe drängte sich an Bar Kochba heran und rief: „Führe uns hinaus zur Schlacht gegen die Heiden, o König von Israel! Wir Kinder wollen die Götzendiener mit unsren eisernen Schreibgriffeln durchbohren!"*) Da hob Bar Kochba das Kind zu sich auf's Pferd, küßte es und fragte: „Wie heißt Du, mein Kind?" „„Ich heiße Schimeon"", antwortete der Knabe, „„und bin der Sohn des verstorbenen FürstenRabbon Gamliel."" „Du bist ein würdiger Nachkommen großer Ahnen", sprach Bar Kochba. „Gott segne Dich, mein Kind!" Dieser Knabe war ein spätgeborner Sohn des Rabbon Gamliel, der, wie wir bereits oben erzählt haben, nach dem Tode seines Vaters nach Bethar von seinen Verwandten gebracht worden war, um dort die Schule zu besuchen. Rabbon Gamliel hatte auch einen älteren Sohn, von dessen Hochzeitsfest wir oben berichtet haben. Der junge Schimeon aber war der Sohn der zweiten Frau, die Rabbon Gamliel in schon vorgerücktem Lebensalter geheirathet hatte. Nicht lange vor dem Tode des Fürsten war ihm dieser Sohn geboren worden. Länger als zwei Jahre währte bereits die Belagerung. Der Math der Belagerten war ungebrochen, das heißt der Juden; denn die Kuthäer bereuten es nicht wenig, daß sie ihren alten Gesinnungen gegen die Juden untreu geworden und sich diesen *') IeiwchaUm, Taanich, gegen Ynde.