Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1881)
- Date
- 1881-11-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447850-2447893--18234-2474268- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ohne Zweifel würden sie uns gesucht, gefunden und uns getödtet haben. Daher verschloß Gott das Herz jenes Wächters der Stadt, daß er uns mitleidslos ein Obdach versagte; daher mußte der Sturm unser Licht verlöschen, der Löwe unsren Esel, der Adler den Hahn tödten, damit wir dem Verderben entrinnen konnten. Alles, was der Allbarmherzige thut, das ist zum Guten. Sein heiliger Name sei gepriesen immer und ewig." Die beiden Wanderer setzten ihre Reise fort. Rabbi Akiba wollte im Süden des heiligen Landes einige seiner Schüler aufsuchen, die fern vom Kriegsgetümmel lediglich dem Studium der heiligen Gotteslehre lebten. Dieser große Mann dachte einzig und allein an die Erhaltung der Thora. Die Thora war in Gefahr, vergessen zu werden. Die Tausende von Schülern, die Rabbi Akiba und seine Genossen herangebildet hatten, waren theils der Pest erlegen, theils von den Römern getödtet, theils vom Tode bedroht, da sie sich den hoffnungslosen Kämpfen Bar Kochba's angeschlossen. „Es heißt in der heiligen Schrift", so sprach Rabbi Akiba zu Perez: „am Morgen säe Deine Saat und am Abend laß Deine Hand nicht ruhen. Hast Du in Deiner Jugend Schüler herangebildet, so versäume es nicht, auch in Deinem Alter die Jugend zu belehren; denn Du kannst nicht wißen, was fruchtbringender sein wird.*) Meine Schüler zählten nach Tausenden; nur wenige sind davon geblieben, die im Stande sein werden, die heilige Gotteslehre zu erhalten und auf die kommenden Geschlechter zu vererben. Im Süden leben vier Jünglinge, von denen ich Großes für Israel erwarte. Der Eine heißt Meir und stammt gleich mir aus einem vornehmen, ehemals heidnischen Geschlechte. Er hatte sich schon einmal meinen Schülern zugesellt; aber er war damals noch zu jung und konnte meinen Vorträgen nicht folgen.**) Seitdem hat er den Unterricht des Elifcha ben Abuja aufgesucht, den man jetzt „Acher" nennt. Meir läßt sich nicht von ihm verführen; er ißt den Kern und wirft die Schaale fort. Der Zweite heißt Jose und ist der Sohn meines ehemaligen Genossen Chalahhta. Auch der Dritte, Jehuda, ist der Sohn meines ehemaligen Freundes Jlla'i. Der Vierte heißt Nechemjah, ein Nachkomme jenes Nechemjah, der mit Esra zusammen der Neubegründer des jüdischen Staates nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft war. — Gebe Gott, daß es mir gelinge, auf diese *) Jebamoth k. 62. **) (itubiu 13 Jünglinge derart zu wirken, daß sie groß werden in der Gotteslehre und Israel nicht verwaist dastehe." Bald hatte Rabbi Akiba das Ziel seiner Reise erreicht, und er fand die vier Jünglinge, die sich glücklich schätzten, zu den Füßen des großen Lehrers Israels sitzen zu dürfen. Aber es war noch ein Fünfter bei ihnen, Schimeon, der Sohn des Jochai. „Ha", sprach Rabbi Akiba, als er ihn erblickte, „Bist Du nicht jener Schüler, welcher einst Rabbi Josua bei Rabbon Gamliel verklagte? Gehe hinweg; nicht kannst Du mein Schüler werden." „„Rabbi"", entgegnete der Jüngling, „„ich kann und will nicht auf Deinen Unterricht verzichten. Wie der dürstende Hirsch sich nach der Quelle sehnt, so dürstet meine Seele nach der Gotteslehre. Weigerst Du Dich aber, mich als Deinen Schüler anzunehmen, so werde ich meinen Vater Jochai veranlassen, Deinen Aufenthalt den Römern zu verrathen." " „Mein Sohn", sagte Rabbi Akiba lächelnd, „solchem Ungestüm kann ich wohl nicht widerstehen. Wisse, lieber als das Kalb saugen will, will die Kuh es säugen." „ „Wer aber ist in Gefahr?" " fragte Schimeon, „„ist nicht das Kalb in Gefahr, das sonst Hunger sterben würde? So entreiße mich dieser Gefahr und eröffne mir die Quellen Deines Wissens."" „Beantworte mir zuvor," sagte Rabbi Akiba, „eine Frage. Es heißt in der heiligen Schrift: Du sollst dem Ochsen das Maul nicht verbinden, wenn er drischt. Ist es nun erlaubt, dem Ochsen vorher das Maul zu verbinden, und ihn dann in die Tenne zu führen?" „„Wein und berauschendes Getränk"", antwortete Schimeon, „„sollst Du und Deine Söhne niit Dir nicht trinken, da Ihr kommet zu der Stiftshütte. — Darf etwa der Priester sich vorher betrinken und in trunkenem Zustand das Heiligthum betreten? Gewiß nicht. Ebenso ist es verboten, den Ochsen mit verbundenem Maule in die Tenne zum Dreschen zu führen.""*) „Gott segne Dich, mein Sohn", sagte Rabbi Akiba, „ich will Dich nicht länger davon zurückhalten, in die Reihe meiner Schüler einzutrcten. Gott hat Dich zu großen Dingen berufen." (Fortsetzung folgt.) *> Ieruschalmi Lerumoth, Ci. 9; vergleiche auch Rabli Baba Mezia 9V b. Hierzu drei Beilagen. 5 eranttrorNiche Nedaction: Or. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des »Israelit* g'-as-e Bleiche 43. I. GottSleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).