Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1881)
- Date
- 1881-11-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1146 ling auch die Autisemitenfrage und zwar in einer für die Juden nicht sehr angenehmen Weise. Er sagte: Eine andere merkwürdige Kundgebung hat sich auch beinahe an unseren Grenzen vollzogen. Man hat es mit einem Male für nöthig gefunden, einen Krieg gegen einen Volksstamm zu eröffnen, dem man zum Vorwurf macht, daß er das Kapital an sich sauge und dadurch den Ruin der Bevölkerung herbeiführe. Ich will gar nicht in Abrede stellen, daß dies eine große Berechtigung (?) habe, aber ich weise mit Befriedigung daraus hin, daß wir in Oesterreich, wie ich glaube, das sichere Mittel ergriffen haben, diesen Uebelständen entgegenzutreten, den Weg der Gesetzgebung, der mir ein besserer zu sein scheint, als wenn man Häuser plündert und Familien verjagt." Wir sind bem Herrn Ritter v. Schmerling gewiß dafür dankbar, daß er den guten Rath ertheilt, sich gegen Ungerechtigkeiten durch das Gesetz und nicht durch die Gewalt zu schützen; andererseits müssen wir aber den Borwurf zurückweisen, der speziell den Juden gemacht wird und der Herrn v. Schmerling eine große Berechtigung zu haben scheint. Das Wuchergesetz ist nicht gegen die Juden allein, sondern gegen die Wucherer aller Confessionen iu's Leben gerufen. In Oesterreich sind Gott sei Dank die Zeiten vorüber, in welcher für die Inden eigene Ausnahmegesetze geschaffen werden. Wir wundern uns nur, daß der Hüter der Verfassung einem solchen Gedanken Ausdruck geben konnte, zumal es gar nicht Aufgabe der Delegation ist, sich mit derlei Fragen zn beschäftigen. (W. Jsr.) Wien In Verfolg des in v. Rr. mitgetheilteu Bruchstückes ans dem Reisebuche des Kronprinzen Rudolf, bringen wir heute die Beschreibung Jerusalems selbst, wie sie in dem Orientbuche des Kronprinzen enthalten und zwar nur in so weit sie für die Israeliten von Interesse ist: Der Höhenzng ist erstiegen, das trostlos kahle Plateau von Jerusalem liegt vor uns ausgebreitet; in weiter Ferne erheben sich die graublauen Hochgebirge des JordanthaleS. Gelbgrau ist der vorherrschende Ton der Landschaft, Vegetatwnslosigkeit das Hauptmerkmal. Die ersten Häuser von Jerusalem werden sichtbar; der größere Häuserkomplex der Russen mit fünstüppeliger Kirche, der Oelberg und rechts das griechische Kloster; die Heilige ^Ztadt selbst haben wir noch nicht erblickt. Am Wege erhebt sich ein großer Triumphbogen mit ungarischer Aufschrift. Die Juden-Kolonie' mit Fahnen steht daneben, die Volkshymne singend. Unter vielen Komplimenten, dem üblichen Geschwätz und Lärm, umringen uns patriotische Israeliten, echte Juden aus Nord-Ungarn in langem Kaftan, hohen Stiefeln, Sammtkappen am Kopfe, geringeltem Bart und den ähnlichen Haarlocken; man hätte sich in irgend ein Karpathendorf versetzt denken können. Selbstverständlich folgte uns von hier an die ganze Judengemeinde; zu beiden Seiten war der Weg ohnedies mit Menschen dicht besetzt: Juden aus allen Ländern, kleinasiatische Christen, Griechen, europäische Pilger, orientalische, christliche Frauen, theils halb, theils gar nicht verschleiert, in den höchst malerischen Kostümen, nur mit den Trachten der alten Hebräerinnen vergleichbar, wahre Mariengestalten, daneben wieder Kopten, einige englische Touristen mit ihren: alle Poesie raubenden Aeußern; ferner mohamedanisches Landvolk, verkrüppelte Bettler und undefinirbares Pilgervolk aus den verschiedensten Theileu der Erde: das Alles lungerte an der Straße herum, uns neugierig betrachtend. An dem Parke, von dem ans man zum ersten Male Jerusalem erblicken kann, stand der Einzug schon gruppirt, unserer Ankunf: harrend. Das heilige Sion mit seinen alten Mauern war vor uns ausgebreitet. Voraus ritten einige Kawasfen des Konsulats mit laugen Stocken, in eigenthümlichell theatralischen Kostümen, dann kam ein Bataillon türkischer Infanterie mit Mnsikbande; merkwürdige Zusammenstellung, zum Einzug in Jerusalem türkische Musik und fliegende Fahne mit dem weißen Halbmond: dann kamen wir Alle in voller Parade, reitend, umgeben von Geistlichen, Konsulats-Beamten, türkischeil und christlichen Würdenträgern. Zu beiden Seiteli der Straße dichte Menschenmassen. Der Weg führte an einem großen Gebäude vorbei, in dem die russischen Pilger kasernirt sind. Man paffirt ein Völkergemenge, das höchst interessant ist, bis endlich das Stadtthor von Jaffa erreicht wird. Vor demselben steigt man vom Pferde und geh: durch den alten grauen Bau in das Innere der heiligen stutzt. Die Gassen der Stadt sind ungemein eng und finster; eine kühle, kellerartige Atmosphäre, verpestet durch die schrecklichsten Gerüche aller Art, herrscht zwischen beu engen steinernen Mauern. Nach unserer Ankunft im österreichischen Hospiz mußten wir die Konsuln und darauf einige türkische Würdenträger und Honoratioren der Stadt, im orientalischen Kostüm und später alle christlichen und jüdischen .Häupter der Kirche empfangen. Es kamen der lateinische Patriarch, umgeben von Priestern und Mönchen, der griechische mit seinen Popen, einige echte Armenier, dann Kopten und der syrische Patriarch. Schließlich kamen auch die Rabbiner, an ihrer Spitze der Vorstand der Inden in Jerusalem, einer der höchsten Priester in der geistlichen Hierarchie der jetzigen Hebräer. Der alte Mann mit langem, bleudeud weißem Barte, wachs-