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Der Israelit · 1881-11-16 · Heft 46 (16.11.1881) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 46 (16.11.1881)
Date
1881-11-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
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weise herrschenden Mißtrauens gegen diese Bestrebungen der Jugend aber, erschien derselben das Judenthum bildungsfeindlich, und sie glaubte sich mit ihrer Bildung im Gegensatz zum Judentyume. Dieses ward denn auch endlich der Fall, so zwar, daß diejenigen, welche zwischen dem Dativ und Accusativ zu unterscheiden wußten, den Unterschied zwischen „Koscher" und „Trefah" außer Acht ließen und sich immermehr dem väterlichen Heiligthume entfremdeten. Diese beklagenswerten Verirrungen haben sich tausendfältig bitter gerächt. Ich sage Verirrungen — denn als solche erscheinen sie mir. Gott ist mein Zeuge, daß ich in ehrfurchtsvoller Scheu zu den großen, frommen, edlen( und gelehrten Männern Hinanblicke, „deren kleiner Finger gewichtiger ist als meine Lende", aber ich kann mir nicht verhehlen, daß ihre Liebe zur Thora sie hierin hat fehlen lassen. Waren denn die großen Weisen der Mischnah und Gemarah, dieTanaim, Amoroim und Geonim nicht bewandert in den Wissenschaften ihrer Zeit? Ja, sie standen vollkommen auf der Höhe damaliger Gelehrsamkeit; sie nahmen aus Allem den reinen, wahren Kern und verschmähten die Schale; — von Jedem aber lernten sie, was wahr und recht ist. Wie sollte auch das Judentum der wahren, rechten Wissenschaft feind sein? Die Lehre Gottes will uns auf die Bahn der wahren Erkenntniß führen, will uns Gott zeigen in der Offenbarung der Natur, in den Gängen der Geschichte — wie sollten wir deshalb nicht forschen in dem großen Buche der Natur, nicht Gott zu erkennen suchen in den Ereignissen des Menschengeschlechts? Und der menschliche Geist ist doch ein Hauch von Gottes Geist, darum fähig die Wahrheit zu erkennen. Wie sollten wir nicht forschen in dem, was dieser göttliche Geist des Menschen zu erkennen geglaubt hat? Das Wahre, das Rechte, welches der menschliche. Geist entdeckt, wird nimmer im Widerspruche mit der Thora stehen können, und wahr und recht wird nur dasjenige sein, welches mit der Thora in Uebereinstimmung ist. Je mehr wir also im rechten Geiste forschen, desto größer wird unsere Erkenntniß der Wahrheit werden und desto inniger auch unsere Ehrfurcht und Verehrung vor Gott, der uns mit j der Fähigkeit des Erkennens begnadigt hat. Die! Gottesfurcht wird, wie sie der Ausgangspunkt jeder j Erkenntniß ist, also auch die Frucht jeglichen Forl schens sein.; In Folge des schweren Drucks, welcher Jahr- hunderte lang aus den Juden lastete, des Hohns und der Verachtung, mit welchen eine feindliche Umgebung ihnen begegnete, hatte sich Israel auf sich selbst und seine eigenste Wissenschaft zurückgezogen. Die Mitwelt wies es von sich, und außer den geschäftlichen Beziehungen unterhielt es keinerlei Beziehungen mit dem Leben außerhalb der Mauern des Ghettos. Israel forschte in dem Gebote Gottes und fand hierin seinen Trost und seine Befriedigung ob der Unbilden, welchen es ausgesetzt war. Es suchte für jede Lage des Lebens die Vorschrift des Gesetzes zu erkennen, um danach zu handeln und war bereit in jedem Augenblicke für die treue Befolgung derselben sein Gut und Blut einzusetzen. Wie herrlich und groß erscheint Israel unter allem Elend und Jammer! Von der Mitwelt als ein Aussätziger, als ein von Gottes Fluch Getroffener ausgestoßen, weilt es in der engen Judengasse und forscht in der Lehre Gottes, um sie durch ein Leben in Reinheit und Heiligkeit zu bcthätigen. Es verachtet jeden andern Schmuck, als den erhabenen, der Treue, des Gehorsams - es leistet Verzicht auf jedes andere Wissen, als das einzige der practischen Kenntniß der Anforderung seines Gottes. Es verschmäht die Lieder des Fremden, es kümmern nicht die Regeln der Sprache, die Mode der Kleidung. Es hat das Weh der Zeiten auf sich genommen und lebt nur der Erfüllung seines heiligen Gesetzes. Deshalb wandte sich in den letzten Jahrhunderten der Geist der jüdischen Nation vor Allem d§m Ausbau der gesetzlichen Praxis zn. Mau sammelte sorgfältig alle Erscheinungen des thätigen Lebens, veranschaulichte sich alle möglichen Verhältnisse desselben und suchte für jedes Verhältniß, für jeden Moment die gesetzliche Norm. Groß und ausgiebig ist die reiche Literatur, welche auf diesem Gebiete geschaffen ist. Welcher Menschenkreis kann sich einer ähnlichen rühmen, eines wahren, geistigen Nationalschatzes, welcher für jede Minute des Lebens die entsprechende Antwort auf die Frage hat: was habe ich zu thun? Die großen Heimgegangenen Geschlechter haben sich damit ein ewiges Denkmal gesetzt, sie haben damit dem nothwendigften Erfordernisse ihres Volkes eine Genüge geschaffen, und noch die spätesten Zeiten werden dafür ihre Namen in dankbare Verehrung bewahren. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. BerantworiUche Redaktion: Or. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des „Israelit" große Bleiche 45, I. Gotisleben'8 Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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