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Der Israelit · 1881-11-16 · Heft 46 (16.11.1881) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 46 (16.11.1881)
Date
1881-11-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1142 Bar Kochba ließ das Schwert sinken. „Nein", sagte er, „ich werde Dich nicht tödten. Dein Dod würde alle Deine Genossen und mit ihnen das Volk zur Empörung gegen mich reizen. So gehe denn hin und tritt unter das Volk und sage ihm: Bar Kochba ist nicht der Messias! Verlasset ihn und liefert ihn den Römern aus, denen Ihr Euch unterwerfen wöget. — Dann werden sie kommen, die treulosen Römer, und die Wehrlosen hinschlachten, weder des Greises noch des Jünglings schonen, und selbst das Kind im Mutterleibe verderben." „„Wehe, wehe"", ries Rabbi Akiba, „„wehe mir, ich sehe keinen Ausweg! Nach den lästerlichen Worten, die Du gesprochen, ist zwischen uns keine Gemeinschaft mehr möglich. Aber ich werde Dir auch nicht entgegentreten, werde nicht das Volk zum Abfall von Dir verleiten. Gott, der die Zeichen geschehen ließ, die mich irre geleitet haben, Gott, der Dir übermenschliche Kräfte verliehen hat, Er wird den Verlauf der Dinge lenken nach Seinem heiligen Willen. Alle, die sich in Dir geirrt haben, werden die traurigen Folgen dieses Jrrthums zu büßen haben. Und auch ich werde dafür büßen müssen. Aber fern sei es von mir, noch einmal einzugreifen in den Lauf der Ereignisse und öffentlich zu verkünden, daß meine Meinung von Dir eine andere geworden. Verlassen werde ich Dich und fern von dem Schauplatze Deiner Thaten den Rest meiner Tage verbringen. Möge Gott Dir und meinem Volke gnädig sein!"" „Rabbi, verlasse mich nicht! Vergiß das thörichte Wort, welches ich gesprochen habe. Siehe, ich bin noch so jung. Laß Dein Alter den Führer meiner Jugend sein!" „„Wohl"", sprach Rabbi Akiba, „„ich will vergessen, was Du gesprochen, wiewohl es kaum glaublich ist, daß der Mund des gottgesandten Messias zu solchen lästerlichen Worten sich hat öffnen können. Möge Gott Dir verzeihen; ich verzeihe Dir gern."" Bar Kochba ergriff die Hand des Rabbi und sprach: „Habe Dank, Rabbi; ich werde nicht unterliegen, so lange Deine Weisheit meine Beratherin ist." „„Diese kann Dir jedoch nur dann nützen, wenn Du ihrem Rathe folgst. So schicke denn die Gesandten der Kuthäer fort, nachdem Du zu ihnen geredet, wie Serubabel und Josua zu ihren Vorfahren gesprochen haben."" „Nimmermehr. Die Vernunft und Ueberlegung fordern gebieterisch, daß ich die Samaritaner zu meinen Freunden mache." „„Aber nicht Vernunft und Ueberlegung, sondern einzig das, was unserer heiligen Thora, was unsrem auserwählten Volke frommt, darf das Maßgebende sein. Nicht irdische Herrschaft, nicht vergängliche Macht dürfen wir erstreben, sondern die Herrschaft des Lichts und der Wahrheit. Ein selbstständiges Juda in Verbrüderung mit den Kuthäern ist eine größere Gefahr als das Joch der Römer. Die Anerkennung der Grundsätze der Knthöer hieße die Axt an den Baum des Judenthums legen. Siche, Gott pflanzte einst den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens Eden. Zwölf große Aeste wuchsen hervor aus dem kräftigen Stamme, dazu berufen und bestimmt, daß die ganze Menschheit lagert in ihrem Schatten. Dieser Baum heißt Jakob, und die zwölf Aeste sind die Stämme Israels Und es kamen die Vögel des Himmels und verzehrten die Blüthen und Früchte, und es kamen die Raupen und Käfer und fraßen die Blätter, und eine ganze Schaar Affen kam herbei und brach die Zweige, und ein wilder Mensch hieb mit der Axt den Stamm um; aber aus der Wurzel schoß der Baum wieder hervor zu neuer Pracht und neuer Blüthe. Wehe aber, wenn der Wurm an der Wurzel nagen würde; dann müßte der Baum ersterben. - Alle Völker der Erde Haber: Israel wehe gethan, seine Blüthen und Früchte verzehrt, den Baum seines Lebens entlaubt, seine Zweige gebrochen, Nebucadnezar und Titus haben zweimal den Stamm umgehauen; aber stets sproßte aus der Wurzel neues Leben hervor. Die Wurzel, sie muß gesund bleiben. Keine von außen kommende Gefahr kann Israel vernichten; aber die Reinheit unseres Glaubens nruß gewahrt werden. In ihr wurzelt das Dasein unsres Volkes. Verbindest Du doch mit den Kuthäern, so muß ich Dich verlaffen."" Bar Kochba wendete sich trotzig ab. „So gehe denn", rief er. „Nicht mit den Auslegern des'Gesetzes, mit einem tapfern Kriegsheer werde ich die Römer bekämpfen und besiegen. Ich bin es müde, mich von Dir und Deinen Genossen, wie ein Kind am Gängelbande führen zu lassen." „„Du irrst Dich"", entgegnete Rabbi Akiba sanft, „„wenn Du meinst, daß Ehrgeiz oder Herrschsucht mich bestimmen, Dir meinen Rath und meine Ansicht aufzudrängen.- Zie niedrigen Leidenschaften sind meinem Herzen ferne. Länger als ein Jahrhundert habe ich auf Erden gelebt. Ich habe viel erfahren und stets mit aufmerksamem Auge geschaut, geprüft und geforscht. Keinen andern Wunsch und kein anderes Sehnen habe ich als die Heiligung des göttlichen Namens. Ich glaubte, daß Du gekommen und von Gott gesandt seiest, den Namen Gottes auf Erden zu heiligen und die Verheißung des Propheten zu bewahrheiten: Und es wird sein an jenem Tage, da wird sein Gott einzig und Sein Name einzig. — Es war ein verhänguißvoller Jrrthum, der mich besangen gehalten. Jetzt, da ich Dich verlasse, ist es wiederum die Pflicht, den Namen Gottes zu heiligen.

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