Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1881)
- Date
- 1881-11-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1141 ( sehen. Seinem Volke zu helfen, mein Herz ist voller Kummer und Sorge, daß Du Gottes allmächtige Hilfe verscherzen mögest, indem Du Dein Herz wendest von Deines Vaters Gott und gelüstest nach fremdem Gräuel."" Bar Kochba erhob sich, und Rabbi Akiba folgte seinem Beispiel. „Hüte Dich," sprach der Rabbi, „daß Du abweichest von Gottes Wegen nach rechts oder links. Gott hat Dich erhoben. Aber nur, wenn Du bist der Mann nach dem Herzen Gottes, wie David es war, wirst Du im Stande sein, das Werk der Erlösung zu vollbringen." Wie drohend hatte Rabbi Akiba den Arm erhoben. Durch die Fenster des königlichen Schlafgemaches fiel das volle Mondlicht auf seine hohe Gestalt. Bar Kochba stand ihm gegenüber und betrachtete ihn mit forschenden Blicken. „Was willst Du, Rabbi", sprach er, „thue ich nicht Alles für mein Volk? Du siehst mich in voller Rüstung. Ich gönne meinen Augen keinen Schlaf." „„Es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels. Wenn Gott das Haus nicht baut, so bemühen sich vergeblich die Bauleute darum; wenn Gott die Stadt nicht bewacht, so wacht vergeblich der Wächter. Gott schützt seine Lieblinge und gibt ihnen, während sie schlafen, was Andere in angestrengter Kraft vergebens erstreben."" „Was verlangst Du, Rabbi?" „„Was ich verlange, ist, daß unser Volk ein Gottesvolk sein soll, nur auf Seine Hilfe bauend und vertrauend, und von Seiner allmächtigen Hand Alles hoffend und erwartend."" „Und sollen wir müssig die Hände in den Schooß legen?" „„Nicht doch, wir müssen unsere Pflicht thun; aber nur dasjenige, was gut und recht, was Gott wohlgefällig ist. Siehe, Israel ist ein Volk, das einsam wohnen, sich mit andern Völkern nicht verbrüdern soll. Mißverstehe mich nicht. Nicht etwa, daß Israel feindlich gesinnt fein soll gegen andere Nationen. Das sei ferne von den Dienern des Gottes der Wahrheit. Alle Menschen sind Brüder, Kinder des einzigen Gottes. Und Gott hat gebotenj: Du sollst Deinen Nebenmenschen lieben wie Dich selbst, nicht nur Deinen Bruder, Deinen Stammesgenossen, Deinen Glaubensgenossen, sondern Deinen Nebenmenschen. Dies ist der größte Grundsatz unserer heiligen Gotteslehre. Aber wir Juden sind das auserwählte Volk des Herrn, von Ihm erlesen zu Seinem Eigenthume, von Ihm berufen zu Seinem Dienste. Die schriftliche und die mündliche Lehre, alle Gesetze und Vorschriften unsres Gottes — wir müssen sie in Reinheit und Lauterkeit zu erhalten suchen. Das können wir aber nur, wenn wir uns rein und unvermischt erhalten. Daher können wir kein Bündniß schließen mit den Kuthäern. Weil sie uns näher stehen als andere Völker in ihrem Denken und Glauben, müssen wir uns desto strenger von ihnen abschließen."" „Mein Freund und Lehrer, ich weiß, daß ich Dir viel verdanke, und daß durch Deine Zustimmung mir die Anerkennung des Volkes zu Theil ist geworden. Es thut mir leid, daß unsre Ansichten in Bezug auf die Kuthäer auseinandergehen. Ich muß sie als Bundesgenossen aufnehmen; ich kann und darf sie mir nicht zu Feinden machen. Siehe, das römische Reich ist ein Koloß, der einmal erschüttert, zusammenfallen muß. Ich habe ihn in seinen Grundfesten erschüttert. Bald werden in Osten wie in Westen, in Norden wie in Süden die unterdrückten Völker sich erheben und das römische Joch von sich abschütteln. Jedes Volk, das nach Freiheit durstet, ist mein natürlicher Bundesgenosse, und ich sollte die Kuthäer in die Arme der Römer treiben, sie zu unsren unversöhnlichen Feinden machen?" „„Du vergissest, daß Du die Dinge anders betrachten mußt, als die übrigen Könige der Erde. Du bist der Spößling Davids, der gottgesandte Messias. Gott wird ausziehen mit unsren Heeren und mit dem Hauche Seines Mundes die Feinde tödten. Er wird uns die unzähligen Schaaren Seiner Engel senden, die da die Arme der Feinde lähmen und ihre Wurfgeschosse unschädlich machen."" Bar Kochba lächelte. „Nicht einem Wunder vertraue ich", sagte er, „sondern der Größe und Stärke meines Kriegsheeres. Möge Gott nur unsren Feinden nicht helfen; ich fühle mich stark genug, auch ohne Seinen Beistand die Römer zu bekämpfen und zu besiegen."^) Als Rabbi Akiba diese lästerlichen Worte vernahm, zerriß er sein Obergewand, erhob seine Stimme und weime. „Ben Kesiba", sprach er, „Du bist nicht der Gesandte Gottes, nicht der erwartete Messias, der da sein wird ein frommer Diener des allmächtigen Gottes. Mit diesen lästerlichen Worten hast Du den Nebel zerrissen, der sich ans meine Augen gelagert hatte; jetzt sehe ich klar, daß eine Täuschung mich umfing, als ich in Dir den gottgesandten Erlöser begrüßte." Bar Kochba riß sein Schwert aus der Scheide, sprang auf Rabbi Akiba zu und schrie: „Du bist ein Empörer, Akiba, Du mußt sterben." „„So tödte mich. Mir ist der Tod lieber als das Leben nach der bitteren Enttäuschung, die ich so eben erfahren."" *) Jeruschalmi, Taanith gegen Ende