Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1881)
- Date
- 1881-11-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447850-2447890--18149-2474180- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
so sei das Gegeutheil von dem wahr, was Prof. Wagner behauptet habe; denn sämmtliche jüd. Reichstagsabgeordnete haben gegen dieses Gesetz gestimmt. Zum Schlüsse richtete Herr Dr. S. an die Versammlung die Mahnung, sich durch Wahlmanövcr den confessionellcn Frieden nicht stören zu lassen. Die sogenannte Judenfrage sei von wirklichen Judenfeinden angeregt worden und werde von anderen, namentlich zu Wahlzwecken, ausgebeutet. Dieser mit großer Ruhe und Mäßigung vorgetragenen Rede, welche einmal von lang anhaltendem Beifall unterbrochen worden, wurde auch am Schluffe lebhafter Beifall zu Theil. Prof. Wagner hatte in seiner nun folgenden Erwiederung jede Selbstbeherrschung verloren. Er warf dem Vorredner jüd. Empfindlichkeit und den Juden in leidenschaftlicher Weise allerlei Schlechtigkeiten vor. Ja, Wagner wurde so kleinlich, zu erzählen, er habe in Berlin angesehene Juden getroffen, welche mit Christen nicht au einem und demselben Tische fitzen wollten. Auf den Zuruf: einzelne! replicirte er: ja einzelne, aber angesehene. — Endlich fiel es ihm ein, seine maßlosen Ausfälle zu mildern, und er zählte auch eine Reihe jüdischer Tugenden auf und wiederholte sein gemäßtigtes Programm. Während seiner leidenschaftlichen Ergüsse wurde W. einmal von heftigem Gejohle unterbrochen und schließlich wurde die Versammlung ziemlich tumultuarisch. Wagner erlitt ein gänzliches Fiasko. Es zeigte sich mithin glänzend, daß der Antisemitismus dahier, wie überhaupt in Bayern und speciell bei den Katholiken, G. s. D. keinen Boden findet. Es war auch allein ein protestantischer Geistlicher, der den Ausführungen des Herrn Dr. Salzer einige Oho's entgegenstellte, während die anwesenden katholischen Geistlichen, obgleich sie Wagners Eandidatur protegirten, sich ruhig verhielten und auch sonst in freundschaftlichem Eontact mit den hiesigen Juden stehen. Braunschweig Bis jetzt hat man noch immer gefunden, daß unsere israelitischenMitbürger überall in erster Reihe stehen, wo es gilt, ein gutes Werk zu fördern. Das hat sich erst dieser Tage wieder gezeigt. Die Familie eines hies. chr. Bürgers wurde in wenige Wochen der Mutter und auch des Ernährers beraubt, so daß fünf Waisen plötzlich vor einer traurigen Zukunft standen. Vier Kinder aber sind bereits von edlen Menschen ausgenommen, und der, welcher mit einem guten Beispiel voranging, war ein Jude. Auch unsere wohlhabenden Christen sind durchweg sehr wohlthätig. Würde aber wohl, wenn eine Judensamilie von dem gleichen Schicksal betroffen worden wäre, jnst ein Christ der Erste gewesen sein, der eins der verwaisten Kinder zu sich genommen hätte? Wir glauben vielmehr, daß die Juden es so weit gar nicht hätte!', kommen lassen, daß eilt Andersgläubiger sich zu dein. Liebeswerke hätte erbieten können. (Magd. Ztg.) Oefterr. - Ungar. Monarchie. Pesiih, 25. Okt Der Hauptschuldige an der graucnrollen Mordthat in Barpalota ist, wie den Wiener Blättern von hier mitgetheilt wird, in den Händen der Justiz Er ist ein 25jährigcr Mann Namens Honster. In Sinfok verhaftet, wurde er;im Spital daselbst mit dem aus dem Massacre uoch lebenden Dienstmädchen Marie Gemeö konfrontirt, die in ihm sofort den Hauptmörder erkannte. Seinen Komplicen hat er beiWcißcuburg erschossen, um in dem alleinigen Besitze des geraubten Geldes zu bleiben. R lt in a ii i c n. Der erste jüdische Bürgermeister in Rumänien ist vor Kurzem gewählt und von der Regierung dessen Wahl bestätigt worden. Der Name des Bürgermeisters ist Joseph Teiler, der des Wahlortes Mönesti bei Bacau in der Moldau, wo Teiler Besitzer eines großen Gutes ist. Es ist dies ein Erfolg der auf dem Berliner Congreß eingeleiteten humanen Action zu Gunsten der Juden — in Rumänien. E n g l a n d. London. Ter Tod des bekannten Financiers Gabriel Benedict Worms hat weit über die hiesigen Finanzkreise hinaus Theilnahme erweckt. Der Verstorbene gehörte, was bei den ansgebildeten Hmnanitäts- Anstalten Londons viel sagen will, zu den größten Wohlthätern der englischen Hauptstadt und hat jahraus jahrein die reichsten Beweise einer seltenen Mildthätigkeit gegeben. Man erzählt von ihni, daß er in den letzten Jahren es als seine einzige Erholung betrachtete, die Straßen zu durchwandern und, wo er einen Bedrückten sah, ihm sofort reichliche Hilfe zukommen zu lassen. Er verließ täglich das Haus, die Taschen mit Geld gefüllt, und trat erst dann den Heimweg an, wenn die mitgenommene Barschaft vertheilt war. Worms hinterließ große Legate für die Armen. Holland. Leuwarden. Als merkwürdige Beispiele von außerordentlicher Rücksicht gegen unsere Glaubensgenossen — von Toleranz kann hier gar keine Rede sein — können wir das Folgende mittheilen. Am ^'23 er hätte eine öffentliche Sitzung unserer zweiten Kammer stattfinden sollen; jedoch aus Antrag der centralen Section wurde beschlossen, sie auf Dienstag zu verschieben, weil einer der Zeitungscorrespondenten mitgetheilt hatte, daß er und andere Correspondenten isr. Confession genöthigt sein würden, am Versöhnungslage zu arbeiten.