Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1881-11-02 · Heft 44 (2.11.1881) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 44 (2.11.1881)
Date
1881-11-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447850-2447890--18145-2474176
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1094 geworden, verurteilen und sie in Freiheit setzen würde. Aber nichts davon ist geschehen; die Familie Baruch ist nach Corfu transportirt worden, um dort abgeurtheilt zu werden, und man sagt, daß daselbst eine Enquete eröffnet worden sei; einstweilen seuszt die Familie Baruch noch immer im Kerker und soll in demselben auf's Härteste behandelt werden. Wir hoffen nichts desto weniger, daß bald eine günstige Entscheidung erfolgen wird. Diese Entscheidung ist der griechischen Negierung durch ihre Traditionen angezeigt; die aufgeklärten Männer dieses schönen Landes haben zu jeder Zeit gegen die Wiedererweckung eines vom Aberglauben unterhaltenen Vorurtheils und gegen die durch dasselbe unaufhörlich hervorgerufenen bedauerlichen Acte protestirt. Die sofortige Entlassung der Verhafteten wird ein eclatanter Beweis der Gerechtigkeit sein, der sie ehren und auf die, von dieser Wiedererweckung des Fanatismus im vollen 19. Jahrhundert tief erregte öffentliche Meinung in Europa den besten Eindruck machen wird. Wir erwarten mit vollem Vertrauen das Erkenntniß der Richter von Corfu und zweifeln nicht, daß dasselbe den Leiden einer Familie, deren Unschuld gewiß ist, ein baldiges Ende machen wird. (Die Israeliten von Rußland.) Europa wohnt seit einigeil Monaten einem herzzerreißenden Schauspiele bei; alle Schrecknisse einer barbarischen Zeit, die man für immer verschwunden glauben konnte, sind wiedererstanden: Die Plünderung und der Brand ist in die Wohnung von friedlichen, rechtschaffenen, arbeitsamen Einwohnern, von ausgezeichneten Trägern des Fortschrittes und der Civilisation, und treuen llnterthanen des Landes getragen worden, deren einziges Verbrechen es ist, Juden zu sein. Die öffentliche Gewalt intervenirte zu schlaff oder zu spät, um den Aufruhr zu dämpfen; Frauen, Kinder, Greise sind geschlagen, mißhandelt, die Kleider ihnen abgerissen, ganze Straßen geplündert und zerstört, tausende von armen Leuten, ohne Kleidung, ohne Brot, ohne Obdach auf die Straße geworfen worden; die Verfolgung dehnte sich immer weiter aus, und die Zerstörung erreichte bald erschreckende Dilnensioneu. Man hatte in unserem Jahrhundert einen solchen Ausbruch des Fanatismus und der Rohheit noch nicht gesehen; die öffentliche Meinung ist durch diese Wiedererweckung der Barbarei im 19. Jahrhundert auf das Schmerzlichste bewegt. Die Israeliten von Europa und Amerika fühlten, daß ihnen eine große Pflicht der Brüderlichkeit und Barmherzigkeit auferlegt worden, und haben unter sympathischer Unterstützung aller edlen Menschen ohne Unterschied des Glaubens sich bemüht, ihren unglücklichen Glaubensgenossen von Rußland zu Hilfe zu kommen. Im ersten Augenblicke wurde von allen Seiten Hilfsmittel nach Rußland geschickt und im Lande selbst ansehnliche Summen gesammelt und israelitischen Hilfscomite's anvertraut, unter denen das Comite von Kiew das bedeutendste und ein von der Regierung autorisirtes ist. Diese Unterstützungen hatten guten Erfolg; die ersten Leiden sind ziemlich beschwichtigt worden, aber diese vorübergehende Beschwichtigung voll Uebeln, die noch lange dauern werden, genügte nicht. Als die Allianee israelite ihren Aufruf veröffentlichte, dem mit einer so großen ulld rührenden Hochherzigkeit entsprochen wurde, beschäftigte sie sich bereits mit der Zukunst dieser unglücklichen Israeliten von Südrußland und mit den Mitteln von dauernder Wirkung, die sie für die traurige Lage derselben anwenden könnte. Dieses Heilmittel wäre vollständig gefunden, wenn die russische Regierung nach den successiven Verbesserungen, die sie in der gesetzlichen Stellung der Israeliten eingeführt hat, endlich in Beziehung auf dieselben die Prinzipien des modernen Rechts annähme, die bei allen civilisirteil Natioilen durchgedrungen silld, und demnach alle Ausnahmegesetze, welche dieselben bedrückten, abschaffte. Unter diesen Letzteren, für die Israeliten, und, wir könilen es sagen, für Rußland selbst das traurigste, ist das Gesetz welches den Israeliten eine große Anzahl von Provinzen verschließt, in andereil Provinzen ihnen nur unter zahlreichen Beschränkungen die Niederlassung gestattet und sie nach Westen und Süden drängt, wo sie in großen Massen angehäuft und dem Elend und erzwungenen Nichtsthun preisgegeben sind. Wenn diese intelligente und strebsame Bevölkerung sich in dem ungeheuren russischen Reiche ausbreiten könnte, so würde sie sich sofort erholen und an dem Gedeiheil der Industrie, des Handels und des Ackerbaues im Laude fördernden Antheil nehmen; es würde sich bald in der ökonomischen Lage der Provinzen des Innern von Rußland ein großer Fortschritt vollziehen. Da jedoch diese Maßregel, die sich eines Tages den besser berathenen Entschließungen der russischen Regierung aufdrängell wird, einstweilen noch nicht zu erwarten ist, so hat die Alliance untersucht, welche andere Mittel angewandt werdeil könnten, um auf die Lage der russischen Israeliten einen heilsanien ltub dauernden Einfluß auszuüben. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.