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Der Israelit · 1881-10-26 · Heft 43 (26.10.1881) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 43 (26.10.1881)
Date
1881-10-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1066 größere Dimensionen aunehmen und sich auch gegen gewichtige Grundsätze des Judenthums richten würde. In der That kam es bald dahin, daß die Gebildeten vermeinten, erst dann im Vollbesitze der Bildung zu sein, wenn sic sich in Lehre und Leben den Anschauungen der Nichtjudcil anpaßten. Schon die Männer, welche sich die Schüler Mendelssohns nannten, die Enchel, Satanow, Friedländer 2c. kehrten dem praktischen Judenthum den Rücken und lebten in Bezug auf Speise und Trank, auf Sabbat und Feiertage in ganz unjüdischer Weise. — Durch die Emancipatiousbestrebungen in der ersten HäUtc des gegenwärtigen Jahrhunderts wurde das Streben nach sogenannten Reformen nur noch gesteigert Man meinte die großen Hoffnungen der Zukunft und die erhabenen Erinnerungen einer wunderbaren, nach Jahrtausenden zählenden Vergangenheit darangeben zu müssen, um für die flüchtige Gegenwart die politische lind sociale Gleichstellung zu erreichen. Aus den Gebetbüchern wurden die Bitten um die Rückkehr in das heilige Land und um die Wiederherstellung des heiligen Tempels gestrichen; in sogenannten Rabbinerversammlungen und Synoden wurden heilige Vorschriften des jüdischen Religionsgcsetzes als abgeschafft und beseitigt crklätt. Zu diesem theoretischen Abfall gesellte sich die Entfremdung vom jüdischen Religionsgesetze im praktischen Leben. Zuerst wurde der Sabbat entweiht durch Oeffnuug der Läden mtb Geschäfte am heiligen Tage des Herrn. Dann fingen die Geschäftsreisenden an, sich über die Speisevorschrifien hinwegzusetzen; sogar gegen die Bcschncidung wurde agitirt, und der Versuch wurde gemacht, den sabbat auf den Sonntag zu verlegen. Die Kinder der dem praktischelt Judenthum Entfremdeten wurden in einer Weise erzogen , daß sie vom Judenthume gar nichts mehr erfuhren. So gitlg es immer weiter; immer kleiner wurde die Zahl der Treugcbliebenen, immer enger der Kreis der am alten, echten, unverfälschtelt und unverkürzten Judenthume Festhaltenden. Der Abfall nahm immer größere Dimensionen an; er verbreitete sich über alle Länder Europa'S; sogar die Israeliten des großen Ezarcnreichs, in dessen Schooße beinahe die Hälfte der Inden des Erdkreises wohnt, wurden davon ergriffen. Israel schien seine historische Weltftellnng aufgeben und in der Masse der Nationen verschwinden zu wollen. Aber die göttliche Vorsehung sorgt dafür, daß Solches nimmer geschehe. Die Zeit liegt noch niäjt allzufern hinter uns, in der von den ' sogenannten Reformern verkündet wurde, daß es nur au den Juden liege, wenn sie in gesellschaftlicher und politischer Beziehung zurückgesetzt würden; sie sollten nur ihre Eigentyümlichkeiten aufgcben, init den Nichtjuden effeit und trinken, init den Nichtjuden deren Feste feiern, sich mit ihnen verschtvägern, und der Haß und das Borurtheil gegen die jüdische Race würden verschwinden. Nur zu viele Juden haben sich von diesen falschen Lehren bethören lassen. Und siehe da, gegen wen richtet sich in unsrer Zeit der Haß der Judenfeinde am meisten? Gegen diejenigen Inden, welche nüt ihnen zusammen an der tadle d’liöte speisen, gegen die jüdischen Krcisrichter und Referendare, welche am omEan cv ddbo n-’.-r mit der brennenden Cigarre im Mund: und den Acten unter dem Arme zum Amtsgebäude wandern, gegen die jüdischen Professoren H., welche sich dem praktischen Judenthume ganz entfremde: haben, gegen die jüdischen Journalisten, denen das Judenthum längst nicht^mehr heilig ist, gegen di: reichen und vornehmen stammesgenoffen, auf deren Tafeln all' jene Leckerbissen erscheinen, deren Genuß uns Gottes Gesetz versagt hat. Jeder denkende Mensch nmß erkennen, daß der Abfall von Gottes Gesetz nicht dazu beiträgt, das Borurtheil, den Neid und den Haß gegen die Nack'.- kommen Jakobs zu vermindern.'Nur derjenige Jude welcher in jeder Beziehung den heiligen Borschrifter. des Judenthnms gemäß lebt, wird sich die volle, und ungetheilte Achtung seiner Mitmenschen erringen. (Schluß folgt.» Wie in unserer Zeit Kritik gemacht wird. Die Sucht immer Neues zu sagen, treibt in unserer Zeit gar seltsame Blüthen. Man geht an irgend ein Schriftwerk, sei es nun heilig oder profan, mit der voraus feststehenden Absicht irgend etwas Neues, Ungeahntes darüber zu sagen unb ba» bisher Feststehende umzustoßeu. Man sucht nachher in dem betreffenden Schriftwerke ein auffallendes Wort oder ein solches, das dem betreffenden Gelehrten aus Unkenntnis; auffallend scheint, und beutet es in gedachtem Sinne aus, möge es auch zu der ausgestellten These wie die Faust auf's Auge passe»:. „Und bist Du nicht willig, so brauche ich Gewal-' heißt es da; denn es muß absolut etwas Neues gesagt werden. Wer sich unbefangen und ohne Voreingeuonrmenheit die jüdische Literatur unserer Tage, wie lu sich namentlich in den periodischen Zeitschriften darbietet, betrachtet, der wird die Berechtigung meiner Worte zugeben. Nicht eine einzelne Arbeit oder eine besondere Persönlichkeit, sondern eine ganze Schule, die solchen Tendenzen huldigt, fordert gebieterisch einen solchen Protest heraus- Wir haben nichts gegen eine solide Kritik, die sich aus wissenschaftlicher Grundlage und ohne Borurtheil an die Prüfung macht, und wenn deren Ergebnisse nicht mit unserer Nr. 43, S. 1067 - 1070 sind erst hinter Nr. 45, S. 1136 eingebunden.

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