Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1881)
- Date
- 1881-10-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1044 meine Seele, nie habe ich so feierliche und erhabene Töne vernommen. Ein Flammenmeer verbreitete sich über den Himmel, die Sterne verschwanden und vortretend aus dem sich theilenden Strahlenmeere erblickte ich ein gewaltiges Heer. — Wohl nie noch hat ein menschliches Auge solch' kriegerischen Glanz erschaut. Wagen und Reiter, glänzende Züge waffengeschmückter Krieger, Ströme schimmernder Speere, zahllose Fahren mit den Emblemen der Stämme Israels geschmückt, Leviten mit goldnen Harfen, Israels siegreiche Zukunft besingend. — Wonne, sangen sie, für Israel; denn er kömmt! er kömmt in seiner Macbt, der langerwartete, heißersehnte Messias. — Und siehe, jetzt zeigte sich ein gewaltiger Wagen, von sonderbaren Stieren gezogen, die auf strahlenden Flammen zu schwimmen schienen, und in diesem herrlichen Wagen stand ein Krieger, stolz und unbeweglich, und als ich ihm in's Antlitz schaute, erkannte ich meine eigenen Züge. — Ich erschrak in meinem Traume und erwachte. Die Erscheinung war vorüber. Nichts mehr war zu sehen als das glänzende Mondlicht, und ich seufzte und sprach: Wehe mir, daß mich, den Aßufi, den geringen und unbedeutenden, solche Träume heimsuchen!"" Und Levi sprach: „Härme Dich nicht, mein Sohn, vielleicht klärt sich das Geheimniß Deiner Abstammung noch auf. Du hattest, als ich Dich fand, eine Schnur um den Hals, an welcher sich eine Denkmünze befand aus der Zeit der hasmonäischen Könige. Ich will sie Dir zeigen." Er ging an einen Schrank und holte die Münze herbei. Da wurde die Thüre geöffnet, und ein Fremder trat ein. Levi eilte auf ihn zu und rief erfreut: „Reuben, mein Freund, führt Dich nach vielen Jahren wieder einmal Dein Weg nach Kesib!" Aber Röuben ergriff die ihm entgegengestreckte Hand nicht. Starren Blickes schaute er auf die Denkmünze, die Levi in seine Linke genommen hatte. „Levi," rief er, „wer gab Dir diese Münze an dieser Schnur?" „„Ich nahm sie von dem Halse eines Kindes, das ich unter Sturm und Regen aus dem Wasser zog, in welchem es sonst unfehlbar ertrunken wäre."" „Wo fandest Du das Kind, Levi, ich bitte Dich, sag' mir, wo fandest Du das Kind?" „„In der Nähe von Betlehem."" „Und was ist aus diesem Kinde geworden?" „„Ein herrlicher Jüngling, fromm, gut und edel, stark an Körper und Geist. Hier ist er."" Da erblickte Röuben den jungen Simeon l Staunen und Bewunderung erfaßten ihn. „Wahrlich," rief er, „Salomon auf seinem jugendlichen Throne konnte nicht schöner sein als er. Gelobt und gepriesen sei der Name des allmächtigen Gottes von Ewigkeit zu Ewigkeit! Menachem, ich begrüße in Dir den Gesalbten des Ewigen, den Helfer und Retter meines Volkes!" Simeon war bleich geworden. „„Menachem?"" stammelte er, „ ,ich heiße Simeon."" „Nicht doch," rief Rtzuben, „Du heißest Menachem, der Trostspendende; Dein Vater hieß Chiskijahu und ist ein Nachkomme Davids. Ich selbst habe diese Denkmünze an dieser Schnur vor ungefähr lt Jahren um Deinen Hals gehängt. Die Seite, die mir zugewandt ist, trägt eine Palme; auf der andern Seite muß sich ein Weinstock befinden. Bald nachher bist Du von Deiner Mutter im Walde, während eines furchtbaren Unwetters, verloren worden." Und Röuben erzählte Alles, was er von der Geburt und der Herkunft des Knaben wußte, und die Prophezeiung, welche sich an ihn knüpfte. Staunend hörten Levi und sein Pflegesohn zu. Dann reisten sie alle drei nach Betlehem. Chiskijahu war todt und seine Gattin nicht mehr am Leben, aber die Leute von Betlehem erinnerten sich aller Umstände genau, und bald verbreitete sich das Gerücht im Lande, daß der Messias erschienen sei. Schon kamen Viele, um dem Erlöser zu huldigen. Die Meisten aber riefen: „Auf, nach Uschah, wir wollen hören, was Rabbi Akiba dazu sagt. Sein Wort mag entscheiden, ob der Zeitpunkt der Erlösung da ist, oder ob dieser Mann aus Kesib, dieser Bar-Kesiba, ein Sohn der Lüge sei!*) Und der neue Messias zog nach Uschah, begleitet von seinem Pflegevater, von Reuben und einer großen Volksmenge. Als sie dort ankamen, war Rabbi Akiba noch nicht von Antiochia zurückgekehrt. Aus allen Theilen des Landes zogen ganze Schaaren herbei, um den Messias zu sehen und sich selbst ein Urtheil zu bilden. Die Stadt Uschah konnte die Zahl der Gäste nicht fassen, von denen die meisten sich auf dem Felde lagern mußten; die Aufregung wuchs von Tag zu Tag. (Fortsetzung folgt.) *) Kesiba heißt Lüge. Hierzu drei Beilage«. verantnwrtliche Redaction: Dt. Lehmann in Mainz. — Verlag uns Expedition deS »Israelit' große Bleiche 4L. 3. Gvtt»leben» Buchdruckerei (Ltamzer Anzeiger».