Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1881-10-19 · Heft 42 (19.10.1881) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 42 (19.10.1881)
Date
1881-10-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447850-2447888--18096-2474125
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1043 Das war so gekommen. ElMijahu, der Vater Menachems, ein Nachkomme der alten, jüdischen Könige aus Davids Haus, war ein armer Tagelöhner. Seine Frau ging in den Wald, um Reiser zu sammeln; sie nahm das Kind mit sich und setzte es unter einen Baum. Während die Frau emsig sammelte, umzog sich der Himmel mit schweren Wolken, so daß es ganz finster wurde Ein schweres Wetter brach los, während ein furchtbarer Sturm sich erhob, der die schwarzen Wolken vor sich hertrieb, der die Bäume knickte; der Wind kam ans Westen; aber von der entgegengesetzten Seite her erhob sich ebenfalls ein scharfer Luftzug, so daß die Wolken aufeiuanderstießen, die Blitze zuckten und der Donner trachte. Dabei ergoß sich der Regen in Strömeu. Jammernd suchte die Mutter Menachems ihr Kind; sie konnte es nicht erreichen. Endlich ließ das Weiter nach. Die angsterfüllte Mutter gelangte mit schwerer Mühe zu der Stelle, wo sie ihr Kind niedergesetzt hatte. Wird es noch leben? Wird es erschlagen, wird es der wolkenbruchartige Regen ertränkt haben? Nichts von allem Dem' Das Kind war verschwunden, spurlos verschwunden. Unter Jammer und Thränen durchsuchte die unglückliche H-ran vergeblich den ganzen Wald. Dann eilte sie nach Haus, und Chiskijahu und alle Bewohner von Betlehem mit ihm, machten sich auf, um nach dem vermißten Kinde zu forschen. Aber keine Spur war von dem kleinen Menachem zu finden. Der Sturm mußte ihn in die Lüfte entführt haben. Der Sturm hatte das Kind allerdings entführt; er hatte es vom Berge niedergeschleudert und in eine Wasserlache geworfen. Da war ein Fremder des Weges gekommen, Levi hieß er und war aus Kesib, aus derselben Stadt, in welcher unser Stammvater Jehuda sich befand, da seine Gemahlin ihm den Schela gebar (1. B. M. E. 3o. B. 6). Er erblickte das Kind, das in Gefahr stand zu ertrinken, ergriff es und nahm es mit sich, eilig'seinen Weg fortsetzend, um dem Unwetter zu entfliehen. Levi aus Kesib brachte den Knaben, beni er das Leben gerettet, glücklich nach Hause und erzog ihn wie sein eignes Kind. Da er den Namen des Knaben nicht wußte, so nannte er ihn Simeon. Der Kleine wuchs heran, wurde groß und stark und entwickelte sich in wunderbarer Weise. Seine Fassungsgabe war unvergleichlich; er übertraf alle seine Mitschüler und war der Stolz und die Freude seiner Lehrer. Bon wunderbarer Schönheit, besaß er eine erstaunliche Körperkraft. So wurde er von aller Welt geliebt und gefürchtet. — Manchmal hatten boshafte Mitschüler es versucht, ihn zu verhöhnen, ihn zu verspotten. Denn ein Makel haftete ihm an; er war ein Asufi, ein aufgelesenes Kind, dessen Herkunft man nicht kannte. Simeon wußte aber, sich Ruhe zu schaffen; er züchngte die Spötter, selbst wenn sie viel älter waren als er. Simeon fühlte sich manchmal sehr unglücklich darüber, daß er von seiner Herkunft Nichts wußte. Wer waren seine Eltern, die ihn dem Verderben preisgegeben hatten im Sturm und Regen? War er ein Kind der Sünde, das sich niemals mit einer Tochter Juda's vermählen durfte? Sein Pflegevater tröstete ihn. „Lerne nur fleißig," sprach er. „Wenn Du einst groß werden wirst in der Gotteslehre, so wirst Du den Hohenpriester an Rang und Würde übertreffen." Und Simeon lernte mit Feuereifer. Als er zum Jüngling herangewachsen war, umfaßte sein heller Geist das ganze Gebiet der Gotteslehre. Dabei schwellte ein edler Ehrgeiz sein Herz. Er sah mit tiefem Kummer die schrecklichen Leiden, welche der Druck der römischen Herrschaft über Israel brachte. „O," sprach er oft vor sich hin, „könnte ich doch mein Volk befreien, könnte ich dieses furchtbare Joch brechen, mit welchem die Bösewichter Juda belasten. Ha, wenn ich an der Spitze meines Volkes stünde, wenn die Trompeten zur Schlacht riefen! Herr der Heerschaaren, ich würde siegen wie David oder sterben wie Schaul. Allein, wer bin ich? ein Mensch ohne Namen, ein Aufgelesener, ein Ausgestoßener! Nicht darf ich träumen, an der Spitze meines Volkes zu kämpfen. Und muß es denn an der Spitze sein? Oh, wenn ich auch nur als der Letzte der Krieger, als der Geringste unter den Kämpfern Gottes mein Schwert zu schwingen vermöchte gegen den Feind meines Volkes, um es zu tauchen in das Herzblut unserer Mörder und Bedrücker! Herr der Heerschaaren, wenn das Versprechen, an das wir uns halten, erfüllt werden soll, so sende ihn bald, den heißersehnten Erlöser, denn Israel ist jetzt ein Sclave, so niedrig, so verachtet, so elend, wie es noch niemals gewesen. Man will uns zwingen, Götzen zu dienen, am Sabbat zu arbeiten, der Beschneidung zu entsagen! — Wie gern möchte ich mein Volk zu Kampf und Ruhm begeistern — allein, wer wird die Stimme des Ausgestoßenen, des Aufgelesenen hören wollen?" Eines Tages kam der junge Simeon tief betrübt zu seinen! Pflegevater. „Was ist Dir, mein Sohn?" fragte dieser. „„Ich hatte einen Traum,"" antwortete der Jüngling, „„darf ich ihn Dir erzählen?"" „Erzähle mir Alles, mein Sohn!" „„So hör' denn. Ich lag auf meinem Lager und schlief. Da kam es mir vor in meinem Traume, als stünde ich auf einem hohen Berge und schaute in die Sterne. Plötzlich vernahm ich den Schall einer Trompete. Noch tönt der Klang derselben durch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.