Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 40-41 (5.10.1881)
- Date
- 1881-10-05
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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1026 faßt und für deren Erleichterung nach Kräften Sorge getragen. Denn es handelte sich uns hier nicht blos um Steuerung der augenblicklichen Roth, sondern vielmehr um womögliche Verhütung ähnlicher Katastrophen in Rußland, wie wir sie schaudernd erlebt haben. Als das geeigneteste Mittel hiefür bot sich uns die Beförderung der Auswanderung von russischen, an manchen Orten dicht gedrängt bei einander lebenden Glaubensgenossen. Als nun Mitte Juni a. c. eine von maßgebender Seite gut empfohlene Deputation aus Elisabethgrad bei uns erschien und uns mittheilte, daß ca 20—30 jüdische Familien in Elisabethgrad entschlossen wären, nach Amerika auszuwandern, wenn sie hierin von unserer Seite unterstützt würden, so wandten wir uns sofort an unsere Schwestervereiuigungen in Paris und London und an den deutsch-isr. Gemeindebund nach Leipzig, um sowie in allen großen Fragen auch hierin ein gemeinsames Vorgehen in dieser so wichtigen, für die russischen Juden so bedeutungsvollen Angelegenheit erzielen und eine Auswanderung im großen Maßstabc ermöglichen zu können. Unseren Erwartungen entsprechend, begrüßten die genannten Vereine in Paris, London und Leipzig sreudigst die von uns gegebene Anregung, worauf die Modalitäten, unter welchen diese mit so vielen Schwierigkeiten verbundene Aufgabe gelöst werden könnte, reiflich besprochen wurden. Unsere Schwestervereinigungen in Paris und London übernahmen es die „Union of American Hebrew Congregations", die sich seit jeher sehr entgegenkommend den glaubgenössischen Auswanderern gezeigt, in's Interesse zu ziehen, damit hüben und drüben in gleicher Weise an dem schönen und friedenverheißenden Werke gearbeitet werde. Seither wurden nun im Schoße der Allianzen Berathungen gepflogen, die entsprechenden Schritte eingeleitet und ist bereits mit der gedachten Auswanderung ein kleiner Anfang gemacht worden. Hiebei war jedoch eine doppelte Aufgabe in's Auge zu fassen: die Beförderung der zur Auswanderung geeigneten Familien und Individuen bis zum Einschiffungshafen, und die unter thunlicher Unterstützung zu geschehende Rückinstradirung der hiezu untüchtig Befundenen. Es hatte nämlich der mit traurigen Consequenzen bedrohende Wahn Eingang gefunden, als ob Jeder — zu irgend einer Arbeit tüchtig oder nicht — bei Ausschiffung sofort feine Existenz begründet finden werde. Damit wurden Viele zum Ueberschreiten der Grenze verleitet, die namentlich Brody mit Anhäufung eines sehr unliebsamen Proletariats bedrohten- Unser hochverehrter Bundesgenosse Herr N. Ritter von Kallir hat das größte Verdienst, dieses Uebel abgewehrt und im Vereine mit den anwesenden Delegirten der Alliance Jsraelite Universelle die gehörige Sonderung bewerkstelligt zu haben. Es wurden hiernach 105 Individuen, darunter 15 Familien zur Einschiffung nach Antwerpen ausgestattet und die nicht Aufgenommenen zur Rückkehr instradirt. Die Pariser Alliance hat vorerst hiezu Frs. 15,000 unter der Bedingung gesteuert, daß auch unserseits 5000 Frs. gesteuert werden, und haben wir den diesbezüglichen Anträgen der Herren Kallir und Ephrussi zugestimmt. Von den zu Gunsten der bedrängten russischen Glaubensgenossen eingelaufenen Spenden kamen bisher folgende Summen zur Vertheilung: 10,000 Rubel in Kiew, 1100 in Woloczyska, 4000 in Smi.ela, 5500 in Odessa, 2500 in Berczowka, 2000 in Smerinka, 2000 in Alexandrowsk, 1000 in Golta, 1500 in diversen Städten. Weitere 7000 Rubel sind in Vertheilung und werden wir seinerzeit die diesbezüglichen Details bringen. Prag. Der israelitische Freitisch-Verein in Prag, im Jahre 1859 ursprünglich für mittellose israelitische Schüler der Volksschulen gegündet und später auch für Schüler der Mittelschulen, der Handelsakademie und Lehrerbildungsanstalt erweitert, hat seinen Zweck: „die Mittagskost im eigenen Vereinslokale unter Aufsicht der Herren Speiseinspectoren in anständiger Weise und entsprechender Qualität unentgeltlich an mittellose Studirende zu verabreichen," in von Jahr zu Jahr auffallend zunehmender Weise zu erfüllen sich bemüht. Im Schuljahre 1879—80 verabreichte der Verein an 166 Studirende 20.605 Portionen mit einem Kostenauswande von. 2869 fl.. 1 kr. Da aber im Schuljahre 1880—81 die Gesuche um Freitische äußerst zahlreich waren, hat sichder Vereins-Vorstand veranlaßt gefunden, 300.000" Portionen für dieses Schuljahr zu präliminiren, ohne jedoch alle Gesuche berücksichtigen zu können, demzufolge nur solche Bittsteller Aufnahme finden konnten, denen Dürftigkeit und besonders gute Zeugnisse das Vorrecht gaben. So werden die an den Verein gestellten Ansprüche immer größer und größer und zwar hauptsächlich seitens der vom Lande nach Prag kommenden Studirenden. Der Vereinsvorstand kann nun wohl mit Befriedigung darauf Hinweisen, wie es seinen und den Bemühungen des Comittz's zur Förderung der Leistungsfähigkeit des israel. Freitisch-Vereins gelungen ist, durch Gewinnung neuer Mitglieder die Einnahmen zu erhöhen und die Zahl der Freitischplätze demgemäß zu vermehren; er muß sich jedoch wie erwähnt mit innigem Bedauern sagen, daß das Ziel dieser in den weitesten Kreisen anerkannt wohlthätigen Anstalt noch lange nicht erreicht ist. Bei diesem Umstande erachtet es der Vorstand als seine ernste Pflicht, unter Hinweisung auf das