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Der Israelit · 1881-10-05 · Heft 40-41 (5.10.1881) · page 25

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 40-41 (5.10.1881)
Date
1881-10-05
Page
– (sequence 25)
Language
German
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XXII, Jahrgang. Dritte Leilagc M Ar. 40 & 41 des Zsraetit. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Kempen. Die traurigen Vorgänge in Pommern und Westpreußen, die unheilvollen Früchte der antisemitischen Bewegung, haben zu dem vernichtenden Urtheil Anlaß gegeben, daß in Deutschland die Civilisation des 19. Jahrhunderts im Niedergange begriffen sei und daß wir uns an der Pforte eines Zeitalters befinden, in welchem die unheimlichen Gestalten und Institutionen des Mittelalters von neuern Kraft und Leben gewinnen sollen. Man kann, es aus so manchem Munde hören, daß der vielgepriesene Geist des so fortgeschrittenen Jahrhunderts im Begriffe sei von feiner Höhe schmählich hinabzustürzen in die Barbarei des finstern Mittelalters und daß das deutsche Volk, welches sonst in den Kulturbestrebungen den europäischen Nationen als glänzender Leitstern voranleuchtete, einen rücklaufenden Gang genommen und von den benachbarten Staaten überholt werde. Allein, wer wie Schreiber dieser Zeilen, den Schauplatz der Bewegung sucht und einen tiefem Einblick gewonnen hat, der muß zu der Ueberzeugung gelangen, daß die bedauerlichen Excesse keineswegs als ein Ausfluß der allgemeinen Volksgesinnung zu betrachten seien, sondern durch einzelne böswillige Agitatoren hervorgerufen worden sind. Durch jahrelanges Wühlen und Verleumden, indem sie einen Bruchtheil der Bevölkerung für alle volkswirthschastlichen Uebelstände und jede soziale politische Schuld verantwortlich machten, ist es ihnen gelungen, die urtheilslose Menge gegen die Minderzahl zu erregen, die Dämonen der Zwietracht und des Haffes heraufzubeschwören und das künstlich in's Werk zu setzen, was in den Tagen barbarischer Zeiten blinder Fanatismus schon von selbst zu Stande brachte: Bedrückung nnd Verfolgung der Juden. Ja, man hat sich nicht begnügt, das Volk durch Wort und Schrift aufzuwiegeln, Bürger gegen Bürger aufzureizen und blutige Exceffe herbeizuführen; sondern was mehr als das ist, man scheut sich nicht nach vollbrachter That, angesichts der angerichteten Verwüstungen, die hochgradig erhitzten Gemüther gleichsam zu neuen Ausbrüchen aufzuhetzen. So geschah es auch in Schievelbein. Der dort stattgefundene Krawall, der an die Zerstörungswuth halbasiatischer Südrussen uns lebhaft erinnerte, schien dem Superintendenten H. dieser Stadt nicht zu genügen. Der hochwürdige Herr hielt daher an dem auf die Verwüstungsscenen folgenden Sonntag eine Rede, (welche im Druck erschienen und um 10 Pf. verkauft wurde) in welcher er den nächtlichen Straßentumult, welcher „von einem geringen Anfänge bis zu toller Zerstörungs- und Plünderungslust sich steigerte", als ein natürliches Strafgericht Gottes bezeichnet, wie es von Zeit zu Zeit über die Söhne Israel zu ergehen pflegt, um ihnen zu zeigen, daß sie, wenn sie auch in Palästen wohnen und in Aemtern stehen, Fremdlinge, ein haltloser Haufe sind und bleiben und ganz ohne Hoffnung leben." Wenn nun Männer, die dazu berufen sind, Worte des Friedens und der Versöhnung zu predigen, angesichts der traurigen Folgen entfesselter Volksleideuschaft trotzdem Worte des Haffes und der Feindseligkeit laut werden lassen, was Wunder, wenn die imwissende leichtgläubige Menge von solchen Reden sich bethören und zu Thaten fortreißen läßt, welche der deutschen Nation zur unauslöschlichen Schmach gereichen. Mit vollem Rechte werden daher die Führer und Leiter, die an der Spitze der antisemitischen Bewegung stehen, die Männer, welche zu den Kreisen höchster Bildung gehören, für die traurigen Vorgänge in Pommern und Westpreußen von den Wohlgesinnten verantwortlich gemacht; in einer späteren Zeit aber, wo eine bessere Einsicht in allen Schichten der Bevölkerung Platz gegriffen haben wird, werden diese Stimmführer und Berather, die in unseren Tagen einen so traurigen Ruhm erlangt haben, zu denjenigen Männern gezählt werden, deren Namen die große deutsche Nation nur mit Verachtung und Widerwillen zu nennen vermag. I. M. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien. sMittheilungen der Israelitischen Allianz zu Wien (September)J Obgleich seit der Ausgabe unserer letzten „Mittheilungen" wegen Abwesenheit der meisten Vorstandsmitglieder eine Vorstandssitzung nicht stattgefunden hat, so hat doch unser Verein auch in der sogenannten todten Session seine Thätigkeit nicht sistirt und alle seine Agenten im Auge behaltend, namentlich nach wie vor sich mit der traurigen Lage der russischen Glaubensgenossen eifrig be-

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