Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 40-41 (5.10.1881)
- Date
- 1881-10-05
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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1020 über unschuldig ist. Ich bitte keine Fragen an mich zu richten, sondern lediglich meine Fragen zu beantworten und mir alle Zimmer, Magazine, Keller u. s. w. zu öffnen." Die Haussuchung sührte zu keinem Resultate. Als der Amtsassessor und sein Begleiter das Haus verließen, kehrte Moses vom Aichmeister zurück. „„Ich habe den Aichmeister gesprochen"", sagte er; „„die Aichung war in Ordnung, allein, aus dem Himpten war der alte Boden entfernt und ein neuer, viel dünnerer eingesetzt; dadurch war das Maaß natürlich viel größer geworden. Was ist mit dem Himpten passirt? Wißt Ihr nichts davon?"" „Wer kann da einen andern Boden eingesetzt haben?" fragte Peßchen. „Die Sache ist mir ganz unerklärlich." „„Sollte vielleicht Christoph..sagte Simon- „„Cr tischlert sehr gern, er ist einmal einem Tischler durch die Werkstätte gelaufen. Man muß ihn fragen, wenn er nach Haus kommt. Cr ist zu seiner Schwestertochter nach Reichelsdorf gegangen, wo heute Kindtaufe ist."" „Vielleicht wissen die Kiikder etwas davon", sagte Frau Peßchen. Sie rief die Kinder herbei, und da kam denn die Geschichte an den Tag. Salomon erzählte unter Thränen, wie der Lumpten unter ihm zusammengebrochen und Christoph einen neuen Boden eingesetzt habe. Simon eilte mit seinem Bruder zum Amtsassessor, ließ dort den Knaben seine Erzählung wiederholen und beschwor den Richter, sofort nach Reichelsdorf zu fahren und dort den Hausknecht zu vernehmen und zu constatiren, ob seine Aussage mit der des Knaben übereinstimmen werde. Zugleich erbot er sich, durch viele Zeugen zu beweisen, daß derselbe Himpten sowohl beim Einkauf als beim Verkauf gebraucht worden sei. Der Herr Assessor ging bereitwilligst auf die Wünsche Simons ein. Rach wenigen Stunden war die völlige Unschuld Davidsohns constatirt, und er wurde aus dem Gefängnisse entlassen. Während der ganzen Affaire war der Herr Oberamtmann nicht zu Hause gewesen; er kehrte auch nur auf kurze Zeit nach Kinsingen zurück, da er nach der Residenz berufen worden war, um dort ein hohes Staatsamt zu übernehmen; auch der Herr Amtsassessor verließ bald nachher den Ort; er war zum Oberamtmann in Blankenheim befördert worden. Die öffentliche Meinung in Kinsingen war keineswegs von der Unschuld Davidsohns überzeugt. Die Klatschsucht der Kleinstädter wußte allerlei Dinge zu erfinden, um die Sache in ein anderes Licht zu stellen. Wieso war Davidsohn so schnell reich geworden? Konnte das inil rechten Dingen zugehen? Warum war sein Vetter Moses Aronssohn, der doch auch ein ffeißiger und tüchtiger Geschäftsmann war, arm geblieben? „Ja," sagte man, „Moses ist ein ehrlicher Mann, und ehrliche Leute werden nicht so schnell reich." Joseph Davidsohn hatte, wenn auch nur einen halben Tag, im Gefängnisse gesessen; das drückte ihm einen schweren Makel auf die Stirne. e.ls Davidsohn wieder im Honoratiorenklub erschien, wurde sein Gruß kaum erwiedert, und wenn er sich am Gespräch betheiligen wollte, so verstummte plötzlich Alles. „„Ja,"" nahm nach einer Pause der Apotheker das Wort, „„für Geld kann man alles haben, auch einen Mohren weiß waschen."" Davidsohtl erzitterte, als er dies vernahm. „Meine Herren," sagte er, „Sie werden doch nicht glauben, daß ich mir irgend etwas zu Schulden habe kommen lassen und daß ich den Herrn Amtsaffeffor bestochen habe?" Die Herren antworteten nicht. Sie standen, auf, nahmen ihre Hüte und ging davon. Davidsohn blieb allein im Honoratiorenstübchen zurück. Der Wirth trat herein. „„Herr Davidsohn,"" sagte er, „„Sie haben wohl bemerkt, daß die Herren mit Ihnen nicht mehr zusammen sein wollen."" „Und da wünschen Sie," sagte der Angeredctc, „daß ich Ihnen die Gäste nicht vertreibe?" „„Ja, wissen Sie,"" stammelte der Wirth, „„das neu eingerichtete Hotel zur Stadt Hannover macht mir eine gefährliche Concurrenz."" Davidsohn sagte nichts, bezahlte die Flasche Bier, die er sich hatte geben lassen, aber noch nicht getrunken hatte, und ging nach Hause. Der stolze Mann war ganz gebrochen; er hatte für nichts niehr Sinn, hatte keinen Appetit mehr und ging den ganzen Tag wie träumend umher. Cs schien, wie wenn er ernstlich krank werden sollte. Frau Peßchen ließ den Arzt rufen, und dieser rieth zu einer Zerstreuung, zu einer Badekur; die vorgerückte Jahreszeit ließ ein Seebad als rathsam erscheinen. Davidsohn befolgte den Rath und begab sich mit seiner Frau auf einige Wochen nach Norderney. Während Herr Davidsohn in der See badete, um seine angegriffenen Nerven zn kräftigen, verbreitete sich in Kinsingen das Gerücht, er befinde sich in der Provinzialhauptstadt, um dort die ihm zuerkannte Gefängnißftrafe abzubüßen. Als Davidsohn seine Kur beendet hatte und nach Hause znrückkehrte, war sein Verhältniß zu seinen ehemaligen Klubgenoffen um nichts besser geworden. Auch der neue Oberamtmann und der neue Amts-