Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 40-41 (5.10.1881)
- Date
- 1881-10-05
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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assessor, denen er Besuche machte, empfingen ihn sehr kühl. Der Winter kam heran und die Abende begannen sehr lang zu werden. Früher hatte Herr Davidsohn einen großen Theil der langen Abende in seinem Klub zugebracht. Jetzt wußte er diese Zeit nicht auszufüllen; er wurde auf's Neue ganz trübsinnig. Da kam eines Abends sein Vetter Moses Aronssohn zu ihm. „Joseph," sagte er, „ich war dieser Tage in Hamburg und habe dort einen jungen Mann kennen gelernt, einen Rabbinats-Candidaten aus Süddcutschland. Derselbe ist ein feiner, gebildeter Mann, ein großer Gelehrter; er sucht eine Stelle als Hauslehrer. Wie wäre es, wenn Du ihn für Deine Kinder engagirtest? Und des Abends, da könnte er uns etwas vorlernen, aus dem Menauraß Hamoaur, aus dem En Janckow und aus anderem Sephorim. Ich will gern einen kleinen Beitrag zu den Kosten geben, wenn Du mir gestattest, mitzuzuhöreu." „„Laß ihn kommen"", sagte Joseph; „„aber die Kosten bezahle ich allein. Du kannst immer dabei sein, wenn Du willst."" Wenige Tage nachher traf der junge Rabbinatskandidat in Kinsingen ein. Jeden Abend, wann die Klubstnnde schlug, begann der Vortrag aus dem Menauraß Hamoaur. Herr Fels, so hieß der junge Gelehrte, wußte sehr anregend vorzutragen. Bald kamen auch die anderen Glaubensgenossen zu lden Vorträgen und brachten ihre Frauen und ihre erwachsenen Kinder mit. Frau Peßchen reichte Erfrischungen umher, und es entspann sich in Davidsohn's großem Wohnzimmer jeden Abend nach dem Abendessen ein recht gemüthliches Beisammensein. Davidsohn fand großes Vergnügen daran; die erhabenen Lehren und Erzählungen unserer Weisen, die er allabendlich vernahm, erheiterten sein Gemüth und brachten ihn dazu, die erfahrene Kränkung zu Iverwiudeu. Er gewann seine Gcmüthsruhe wieder lund widmete sich, wie ehedem, den Geschäften, die »ein ausgedehnter Handel mit sich brachte. | So verging der Winter. Als es wieder Sommer geworden war, fuhr Herr Davidsohn mit seinem Gewährte auf die Rittergüter der Umgegend, um in'gewvobnter Wei'e den Besitzern die Produkte ihres Bodens und ihrer Heerden abzukaufen. Als er eines Wages nach Kinsingen zurückkehrte, sah er seinen Wetter mit dem schweren Packen beladen dahin- »euchen. I „Moses", rief er ihm zu, „warte, bis ich zu Wir komme und steig auf meinen Wagen." I Moses blieb stehen, schnallte seinen Packen hin- »enaus und bestieg den Wagen. 1 Die beiden Vettern saßen stumm nebeneinander; sie gedachten Beide jener Fahrt vom vorigen Jahr. „Moses hat Recht gehabt," sprach Joseph in seinem Herzen, „ich habe mich damals an ihm versündigt durch meinen thörichten, dummen Stolz. Wer weiß, ob jene Himptengeschichte nicht die Strafe dafür war, daß ich den braven Mann so beleidigt habe! Nun, heute will ich's wiedergutmachen." Als sie in die Nähe des Stadtthores kamen, sagte Moses: „„Halte still, ich will hier absteigen."" „Nein," entgegnete Joseph, „ich fahre Dich bis an Deine Thüre." Vor dem Stadtthore saßen die alten Stadtsoldaten; sie hatten den ganzen Tag nichts zu thun und vertrieben sich die Zeit mit der nützlichen Beschäftigung des Strümpfestrickens. „„Fritz,"" sagte Einer zum Andern, „da kuck mal! Es muß doch nicht wahr sein, daß der Jude Joseph im Zuchthause war, sonst würde der ehrliche Moses nicht mit ihm zusammen durch die Stadt fahren!"" Und alle Bewohner von Kinsingen liefen, wie es ihre Gewohnheit war, sobald sie einen Wagen rollen hörten, an's Fenster, und Einer sprach zum Andern, wie der Stadtsoldat gesprochen hatte. Vor Aronssohns Hause hielt der Kozin das Pferd an, und während Moses abstieg und seinen Packen losschnallte, mußte Joseph hören, wie die Nachbarn zu einander spachen: „Es muß doch nicht wahr sein, daß der Jude Joseph im Zuchthaus gesessen hat, sonst würde der ehrliche Moses nicht mit ihm zusammen durch die Stadt fahren." Und Joseph hörte es, und er that das Gelübde, den thörichten Stolz für immer aus seinem Herzen zu bannen. „„Habe Dank,"" sagte Moses. „Du brauchst m i r nicht zu danken," antwortete Joseph; auch dem aristokratischen „mich" hatte er den Abschied gegeben. Abends schickte der Wirth aus der Stadt Hamburg und ließ im Namen des Honoratiorenklubs Herrn Davidsohn bitten, wieder im Honoratiorenstübchen zu erscheinen. Herr Davidsohn ließ höflichst danken und sein Bedauern aussprechen, daß er der freundlichen Einladung nicht Folge leisten könne. Stach dem Abendessen erschienen die Juden von Kinsingen, und Herr Fels behandelte das Kapitel von der gottgebotenen Demuth und Bescheidenheit -in sehr anregender Weise. Als sich ' alle Gäste entfernt hatten und die Kinder zu Bette gebracht worden waren, sagte Davidsohn zu seinem ältesten Sohn: „„Simon, cs wird Zeit, daß Du Dich verbei-