Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 40-41 (5.10.1881)
- Date
- 1881-10-05
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447850-2447887--18060-2474088- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1012 s;' <oV: i'i r./4- ' I Menge mit wüstem Geschrei: „Wir gehen morden, wir schießen die Juden nieder." Jetzt wurde die Anzeige beim Stuhlrichter erstattet. Dieser schickte um den Richter, und letzterer wollte Plathp die Gewehre abnehmen, worauf dieser schrie: „Richter, gehe heim, ich will heute noch in den Tempel hineinschießen." Nach diesen Worten gab der Richter dem Plathy die Gewehre zurück. Seitdem vergeht kein Tag, ohne daß die Juden und ihre Frauen beschimpft und sogar mit Messern bedroht werden. PeW. Ein Budapester Journal erzählt folgende Soldatengeschichte, deren Bestätigung allerdings abzuwarten ist. Gelegentlich der Miskolczer Manöver soll ein großer Grundbesitzer, (dessen Namen genannt wird) bei einem Hauptmann der Infanterie Klage geführt haben, daß ihm Heu gestohlen wurde; er sprach den Verdacht aus, daß dasselbe manöverirende Soldaten entwendet hätten. Der Hauptmann, hierüber entrüstet, ließ dem Bürger, einem ziemlich angesehenen Manne, von seinen Soldaten fünfzehn Stockhiebe geben. Der Grundbesitzer wollte nun beim Kaiser, welcher kurze Zeit in Miskolcz gewesen, Audienz nehmen und bett Vorfall zum Vortrag bringen, doch zahlreiche höhere Militärs beschwichtigten ihn; der brutale Hauptmann selbst soll sich entschuldigt haben mit den Worten: „Das Ganze sei ein Mißverständnis;, ich dachte, Sie seien ein Jude." R u ß l a n d. Die russische „St. Petersburger Zeitung" schreibt: „Den israel. Studenten der llniversität Kiew wurde behördlich verboten, in der Stadt zu wohnen, und dieselben wurden angewiesen, nur in zweien der äußersten Quartiere, im Ploßky- und Lybedski-Stadttheile ihren Aufenthalt zu nehmen. Die Mehrzahl der Studenten an der Universität Kiew besteht aber aus Juden. Die christlichen Studenten der Universität Kiew haben deßhalb ihren Vorstand gebeten, sich bei dem Minister des Innern darum zu bemühen, daß die gegen die Juden im Allgemeinen verfügte Maßregel auf die israel. Studenten keine Anwendung finde. Unabhängig davon ist cs dem Rektor der Universität gelungen, einen Aufschub der Studenten- Ausweitung bis zum 1. October auszuwirken. Petersburg, 17. Sept. Während hier die Ruhe äußerlich durch nichts gestört wird, sind die Nachrichten, die aus der Provinz, besonders aus dem Süden hierher dringen, recht unheimlicher Art. Die Zeitungen der Provinz, die sämmtlich unter Präventivcensur stehen, dürfen natürlich über nur ganz gleichgiltige Dinge schreiben; sie sind im günstigsten Falle zu Lokalblättern herabgesunken, die aber selbst , bei der Behandlung der harmlosen lokalen Fragen,! sofern diese zu Maßnahmen der „Vorgesetzten Be-! Hörden" in irgendwelcher Beziehung stehen, die größte | Vorsicht beachten müssen. Die Blätter sind ganz i, der Willkür der Censur überlassen, die je nach der Bildung und dem Charakter des Sensors oder derer, die bestimmend auf ihn einwirken, eine bessere oder schlimmere Form annimmt. Im Allgemeinen ist der Druck ein ungeheurer, und es scheint das nicht zum wenigsten in Folge entschiedener Weisungen von hier aus der Fall zu sein, wo man bekanntlich das Prinzip verfolgt, Alles im rosigsten Lichte dar-! zustellen, und wo man sich fürchtet, daß die bösen j Geschichten aus der Provinz in der Residenzpresse die richtige Beleuchtung erhalten könnten. Wer sich daher über die Zustände in der Provinz informiren will, muß von den Zeitungen ganz absehen und sich auf die Berichterstattung nüchterner Beobachter verlassen, die jene Gegenden bereist und mit unbefangenem Auge die Vorgänge dort betrachtet haben. Ich hatte kürzlich Gelegenheit, einen Herrn zu sprechen, dessen Mittheilungen um so glaubwürdiger erscheinen, als sie durch Bezeichnung der Namen der betreffenden Persönlichkeiten erhärtet worden. Es ist keine Frage, daß unter der Landbevölkerung des Südens von der revolutionären Partei in der umfassendsten und raffinirteften Weise gewühlt wird. Die Anarchisten scheuen kein Mittel, um die Köpfe der Bauern verrückt, sie um Leib und Leben besorgt zu machen und zu der elementarsten Zerstörungswuth aufzureizen, unter der zumeist die Juden entsetzlich zu leiden haben. Die Nihilisten haben mehrfach die Gelegenheit benutzt, um den Vorwurf von sich abzuwälzen, sie hätten die Judenhetzen angefacht. Daß sie diese nicht als Endziel im Auge hatten, mag ganz richtig sein; ob die Wuth der Bauern sich gegen die Juden oder gegen den Adel oder gegen Beamte der Krone richtete, war ihnen an sich gleichgiltig; sie wollten nur den Kampf gegen den Besitz führen und was darunter zuerst zu leiden hatte, darum kümmerten sie sich nicht. Ihre Arbeit scheint gut gelungen zu sein; an allen Ecken und Enden treten ihre Agenten auf, Hetzen so unerhört und öffentlich wie möglich und wenn die Polizei sie fassen will — sind sie spurlos verschwunden. In Smela, einem kleinen Flecken des Kiew'schen Gouvernements, waren, so erzählt man mir, die Bauern auch gegen die Juden gehetzt und! in wahrhaft barbarischer Weise über diese hergefallen, ihnen knapp das nackte Leben lassend. Graf Boi brinsky, der Gutsherr des Fleckens, der einer der : aufgeklärtesten Adelsfamilien angehört, hatte der! Wuth des entfesselten Pöbels so schnell als mög- > lich zu steuern gewußt, konnte aber jene gräßlichen I Plündereien der Armen nicht verhindern. Er spen- I dete diesen zur Beschaffung der nothwendigsten Dinge