Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 40-41 (5.10.1881)
- Date
- 1881-10-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1007 Der Kaiser empfing den großen Lehrer der Juden sehr gnädig, und nahm seine Klagen huldreich entgegen. Diese gipfelten in drei Punkten: Tinius Rufus halte die Beschneidnng verboten, er hatte die Feier des Sabbats untersagt, und er ließ die Juden zum Götzendienst zwingen; diejenigen, die sich weigerten, wurden mit dem Tode bestraft. Tinius Rufus wurde zum Kaiser gerufen. In Gegenwart Rabbi Akiba's sollte er sich wegen der von ihm getroffenen harten Maßregeln vertheidigen. „Sage mir, o Jude," Hub Tinius Rnfus zu reden an, „Ihr verehrt den einzigen Gott, den alleinigen Schöpfer von Himmel und Erde: Ihr nennt ihn den Allweisen, den Allmächtigen, Ihr rühmt ihn als den größten Künstler und Baumeister — — und nun sage Du mir, wessen Werke sind schöner, die Werke des allmächtigen weisen Gottes oder die Werke der Menschen?*) Ohne sich zu besinnen, antwortete Rabbi Akiba: „„Die Werke der Menschen."" „Weißt Du auch, Jude," eutgegncte Tinius Rufus. „was Tu sprichst? Können Menschen das Himmelsgewölbe ausspannen, die prächtige Sonne, den lieblichen Mond und die zahllosen Sterne einsetzen, lenken und leiten? Können Menschen den Erdball gestalten, die Berge aufthürmen, die Quellen sprudeln lassen, daß sie werden zu mächtigen Strömen? Können Menschen das Meer Hervorbringen mit allen seinen Wundern?" „„Du Haft mich gefragt,"" antwortete Rabbi Akiba, „„wessen Werke schöner sind, die Werke Gottes oder die Werke der Menschen. Ich habe darauf behauptet, daß die Werke der Menschen schöner seien. Nicht wollte ich damit sagen, daß Menschen Dinge zu erschaffen vermögen die für uns außer dem Bereiche der Möglichkeit liegen. Aber in Bezug auf das, was Menschen leisten können, sind die Werke der Menschen schöner. Gestatte mir, o Kaiser, daß ich dies an einem Beispiele Nachweise."" Der Kaiser gestattete es. Rabbi Akiba ging und kehrte bald in Begleitung eines Dieners zurück, welcher ein Bündel Äehren herbeibrachic und einen prachtvollen Kuchen, das Meisterwerk eines Zuckerbäckers. „„Siche her, o Kaiser,"" ffagte der Rabbi, „„diese Aehren sind Gottes Werk. So hat Gott sie wachsen lassen. Aber aus derselben Frucht haben Menschen diesen köstlichen Kuchen hergestellt. Der Kuchen ist Menschenwerk. Habe ich nicht Recht, da ich behaupte, die Werke der Menschen sind schöner als die Werke Gottes?"" * A'itbnvrf. ranchttma, Painscharh Inöi „Warum," fragte Tinius Rufus, „vollziehet Ihr die Beschneidung? Wollt Ihr das Werk des allmächtigen, allweisen Gottes verbessern?" „„Ich habe mir gedacht,"" antwortete Rabbi Akiba, „„daß dahin Deine Frage ziele, und deßhalb habe ich gesagt, die Werke der Menschen seien schöner. Als Gott der Herr das Weltall schuf, da ruhete er, heißt es in der heiligen Schrift, von allem seinem Werke, welches er erschaffen hatte, fortzuwirken. Siehe, auch der Mensch ist Gottes Werk, und der Geist, der ihn auszeichnet vor allen anderen Geschöpfen, ist ein Geschenk des allmächtigen, allweiscn Gottes. Was der Mensch mit seiner kunstreichen Hand, angespornt durch seine geistige Kraft, vollbringt, ist ja auch Gottes Werk. Gott hak ihm die Befähigung verliehen, aus den Stoffen, welche die Welt ihm bietet, neue Gestaltungen hervorzurufen. Schön ist der Marmor, den Gott hat werden lassen, aber schöner ist das Gebilde des geistvollen Künstlers, welcher bei« Marmor die Formen der Schönheit verleiht. Aus Farbstoffen, welche die Erde bietet, oder die ans Pflanzen bereitet werden, zaubert der Künstler ein Bildwerk auf die einfache Leinwand, welches alle Beschauer entzückt. Aus Holz und Stein und Mörtel führt der Baumeister einen Palast auf, in welchem Könige und Kaiser mit Behaglichkeit ihr Leben genießen. Wir können uns in den Flachs oder in die Wolle der Schafe nicht kleiden. Erst des Menschen kunstfertige Hand verfertigt daraus Gewänder, welche unsere Blößen bedecken, uns gegen die Unbill der Witterung schützen, die menschliche Schönheit erhöhen, Kaisern und Königen Würde verleihen. Durch die menschliche Kunst wird das Fleisch der Thiere, werden die Früchte des Feldes genießbar und wohlschmeckend zugleich. So hat der allmächtige Gott die Fähigkeit verliehen, das, was er erschaffen, fortzuentwickeln. Uns Juden, dem Volke, dem Er sich offenbart hat, hat Er Gesetze und Vorschriften gegeben, durch die es uns möglich gemacht wird, unseren Geist zu läutern, unseren Körper dem Geiste dienstbar zu machen, wie es in der heiligen Schrift heißt: Das Wort Gottes ist geläutert, ein Schild ist Er allen Denen, die auf Ihn vertrauen. — Die erste Stufe der Leiter, die da gestellt ist auf die Erde, und deren Spitze in den Himmel ragt, ist die Beschneidung. Sie ist das Zeichen des Bundes, den Gott mit unseren Borältern geschloffen. Am achten Tage nach seiner Geburt muß das männliche Kind in diesen Bund eingeführt werden, damit es das Bundeszeichen unverwüstlich an seinem Körper trage, damit es immerwährend das Bewußtsein habe, daß der Jude berufen ist, Gott zu dienen und seinen heiligen Namen zu verkünden. Gottes heiliges Gebot will nicht die von Gott in die Menscbenbrust gelegten Triebe vernich-