Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 40-41 (5.10.1881)
- Date
- 1881-10-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1004 Erlichen Leben nach Wien geratheu. Seine Wiege! stand in Paris, wo sein Vater, ein Arzt deutscher; Herkunft, Dr. Wg., sich ein beträchtliches Vermögen! und in der Rue St. Florentin eine stattliche Zahl von .Häusern erworben hatte. Der Vater starb und sein Erbe, der einzige Sohn, lernte rasch, wie man die Früchte des väterlichen Fleißes verschleudern kann. Er hielt Pferde, Equipagen — et > tont ce qu’il faut pour s'amuser — ja er kaufte sich sogar eine Baronie. Es dauerte nicht lange und der Baron war arm. Seine Mutter, die gleichfalls ein l großes Vermögen geerbt hatte, entzweite sich mit ' ihrem verschwenderischen Sohne. Er ging in die! weite Welt und kam im vorigen Jahre als Bettler; nach Wien, ein Bettler von gewinnendem Aeußern; j denn der verarmte Baron hielt noch auf Formen.! Die letzten Kleinodien, die er besaß, boten ihm die! Mittel fein Leben kärglich zu fristen. Mit den Wori feit: „kaufen Sie diese .Lettes" trat er eines . Tages in einen armseligen Trödlerladen in der Joj sephftadt. „Sie ist von Nickel und werthlos," sagte man ihm. — „Aber ich habe acht Tage nichts gegessen!" rief der junge Mann, und wie zur traurigen Bekräftigung dieser Behauptung sank der arme Teufel zusammen, während ein Blutstrom ans seinem Munde schoß. Glücklicher Weise wohnt die Menschenliebe auch im armseligen Trödlerladeu. Der Besitzer desselben labte den Unglücklichen, gab ihm Geld und Wohnung und sorgte Monate hindurch für ihn. Als Lohn hierfür vertrante der so reichlich Unterstützte seinem Wohlthäter das Geheimnis; seiner .Herknnst an, aber dies Vertrauen war voll der Bedingung begleitet, niemals der Mutter von ihrem unglücklichen Sohne Nachricht zu geben. Nichts konnte! den jungen Freuiden vermögen, seinen Starrsinn auszni geben. Er hatte cilie reiche Mutter, reiche Verwandten i in Paris und lebte hier von den kargen Brosamen, die ihni! der Trödler, ein armer Jude, erbettelte. Er wollte! arbeiten. Der Trödler ruhte nicht, bis er für beit Baron die Mittel gefunden, sich eine Eristenz zu begründen. Zunächst verschaffte er ihm eine Wohnung bei einem menschenfreundlichen „Hof-Fensterputzer", der ein Gartenhäuschcn bei seiner Wohnung hatte, das er dem Franzosen abtrat. Zum Lohne hierfür wurden die Kinder des WohnnngSgebers von dem Baron im Französischen unterrichtet; bald konnte der junge Pariser auch andere Lectionen geben, er verdiente mm sein Brot. Eine Stunde des Glückes für den armen Baron! Aus einem Verschwender und Bettler war er ein Mann geworden, der sich, was er benöthigte, erwarb. Aber das dauerte nicht lange; eine Krankheit warf ihn nieder. Er mußte sein Gartenhäuschen verlassen, in's Spital wandern und hier machte der Tod seinen seelischen und körperlichen Bitternissen ein Ende. Heuer im Frühjahre ist er still bestattet worden, und vor Kurzem ist endlich auch in die stolzen Räume, welche seine Mutter bewohnt, die Nachricht vom Tode des verlorenen Sohnes gedrungen. Dieser Tage ist ein Abgesandter der Mutter von Paris nach Wien gekommen, um über die Erlebnisse des armen reichen Barons Erkundigungen einzuholen. Mit ihm zugleich sucht eine vornehme reiche Dame die Wohlthäter auf, die ihrem Slinbe in Stunden fürchterlicher Noth hilfreich beigestanden waren. Der Tod löscht alle Zornesflammen, und jetzt, da sich das Grab über dem unglücklichen Jüngling geschlossen, ist auch die Liebe für den verlorenen Snhn auf's neue erwacht. Mau wird ihm einen Gedenkstein setzen lassen und damit wird eine jener Tragödien, die in unserem stürmischen Großstadtleben sich oft so unbeachtet abspielen, ihr Ende gesunden haben. Wien, 1. Oct. Der Landtags-Abgeordnete Merunowicz hat einen Antrag eingebracht, der dahin geht, die Rechtsverhältnisse der Juden, sofern dieselben mit den allgemeinen Grundsätzen unserer Gesetzgebung nicht übereinstimmen, zn regeln und in Harmonie zu bringen. Der Antragsteller ist von seiner pnblieistischeu Thätigkeit her, namentlich in dieser Frage, nicht gerade als Ehampion des Judenthums bekannt; ja Herr Mernnowicz erfreut sich sogar des zweifelhaften Rufes eines galizischeu Jstoczp. Zudem in einem Augenblicke eingebracht, wo rings um uns her der Antisemitismus seine Blüthen treibt, gewinnt der Antrag allerdings einen Geruch nach Stöcker-Henrici'schen Gelüsten. Jndeß brüsten sich ja gerade jetzt die Polen mit ihrem Verhalten gegenüber der antisemitischen Agitation in Deutschland und Rußland und in der That thun sie von ihren; Standpunkte weise daran, der Agitation ffernzubleiben, denn mit Antisemitismus wird es ihnen niemals gelingen, die Inden zn natioualisiren. Der langathmige Antrag fordert im Wesentlichen vier Dinge: erstens wird die Negierung aufgefordert, sämmtliche die Inden betreffenden Gesetze zu ftnbtreii und Gesetz-Entwürfe vorznbereiten, welche die bis- : herige Sonderstellung der Juden ausheben sollen. Zn > diesem Zwecke soll der galizische Landes-Ausschnß j unter Mithilfe competenter Männer und gelehrter > Gesellschaften vom juristischen Standpunkte die na-! tionalen Gesetze in der Richtung erforschen, „wie weit . im Gesetze Moses und im Talmud die Grenzen der Vorschriften reichen, welche in den Bereich der Theoj logie, Ethik und des Ritus gehören, und worin ani dercrseits die nationale Gesetzgebung der Juden in j den Bereich der Angelegenheiten eingreift, welche in j unserem Staate den Gegenstand der richterlichen und? adniinistrativen Gesetze und Verordnungen bilden"; j ferner, worin die Ursache der exemptionellen Stellung