Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1881)
- Date
- 1881-09-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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987 Feuilleton. per Kozin. ii. Es war an einem Sonntag-Nachmittage; Joseph Davidsohn und Frau Gemahlin waren bei „Oberanttmanns" zu einer Tasse Kaffee eingeladen. Wenn sie auch von all den guten Sachen, die dort zum Kaffee präsentirt wurden, nichts genießen konnten, so waren sie doch im höchsten Grade beglückt von der hohen Ehre, die ihnen zu Theil geworden war. „Oberamtmanns" hatten vornehmen Besuch aus der Residenz, dem zu Ehren sie die Einladung veranstaltet hatten. Der königliche Oberschatzrath Kurze war mit Frau und zwei Töchtern eingctroffen. Und Oberamtmanns scheuten sich nicht, ein jüdisches Ehepaar als zu dem Kreise ihrer intimen Bekanntschaft gehörend einzuladeu! Das war allerdings eine große Ehre, die vor fünfzig Jahren noch zu den größten Seltenheiten gehörte. Simon, der älteste Sohn des Hauses, benutzte die Abwesenheit seiner Eltern zu einem Besuche bei Moses Aronsohn, wo er der schönen Sulamith aus Schiller's Gedichten vorlas. Die jüngeren Kinder des Davidsohn'schen Hanfes blieben unterdeß sich selbst überlassen. Sie tummelten sich in dem großen Hofe herum und spielten allerlei Spiele; zu ihnen halten sich noch viele Kinder aus der Nachbarschaft gesellt. „Wir wollen einmal „Schinderhannes" spielen!" rief Salomon, ein schöner, schwarzlockiger Knabe von etwa vierzehn Jahren. „Ich will der Räuberhauptmann sein." Der Vorschlag wurde mit Jubel ausgenommen. Bald war die Eintheilung getroffen. Zehn Kinder, Knaben und Mädchen, gesellten sich zu ihrem Hauptmann als Räuber; alle übrigen waren die Gensdarmen. — Die Gensdarmcn verfolgten die Räuber und umzingelten sie. Da beschloß 'Salomon, eine feurige Anrede an seine Genossen zu halten, daß sie sich tapfer ihrer Haut wehren und mit kühnem Muthe die Reihen der Gensdarmcn durchbrechen sollen. Zu diesem Zwecke wollte er einen erhöhten Standpunkt wählen; er schaute sich nach einer Tribüne um, und seine Blicke fielen auf den Himpten*), welcher am Eingänge des Kornmagazins stand. Rasch wurde derselbe herbeigeholt, umgestülpt, und der kleine Held bestieg die improvisirte Rednerbühne. „Räuber, Mordgenoffen," rief er, „wir befinden *) Ein Kornmaß, ungefähr ein halber Lcheffel. uns in einer kritischen Lage! Die feilen Schergen der Gewalt haben uns umzingelt. Wen sie ergreifen, dessen Loos ist Galgen oder Rad. Darum Muth, Ihr tapfern Söhne der Wälder. Folget meinem Beispiele und lasset uns mit gezücktem Schwerte die Reihen unsrer Unterdrücker durchbrechen! Stuf, Ihr tapferen Mannen! Jeder Räuber nimmt es mit zehn Gensdarmen auf; ich allein schlage deren zwanzig in die Flucht. Also vorwärts!" Da gab es einen Krach; der Boden des Himptens brach ein, und der junge Held, der eben an der Spitze seiner Getreuen so große Hcldenthaten verrichten wollte, fiel ans die Nase. Es gab ein furchtbares Halloh. Räuber und Gensdarmen lachten und jubelten gemeinschaftlich. Christoph, der alte Hausknecht, sprang herbei und hob den jungen Helden auf, der stark ans der Nase blutete, trug ihn an den Brunnen und wusch ihm das Blut ab. „Christoph," sagte Salonwn, „cs ist gut gegangen, ich habe mir nicht viel weh gelhan, und ein echter Ränberhauptinanu darf nicht jammern, wenn er ein wenig Blut sieht. Aber der Himpten ist zerbrochen; was wird der Vater sagen, wenn er erfährt, daß der Hinipten zerbrochen ist?" „Sei still, mein Liebling," sagte der alte Christoph. „Vater braucht nichts davon zu erfahren; ich war in meiner Jugend bei einem Tischler in der Lehre und verstehe noch etwas vom Handwerk. Ich mache den Himpte'.t so wieder, daß kein Mensch merkt, daß etwas damit passirt ist. Alte Bretter sind genug da, und Hobel und Handwerkszeug haben wir auch." Salomon war die Lust am Spielen vergangen; er ging dem alten Christoph zur Hand, als dieser sich an's Werk machte, den zerbrochene Hinipten zu knriren. Der alte Boden wurde entfernt und durch einen neuen ersetzt. Die Waizenernte war vorüber. Hans Gürke, ein wohlhabender Bauer, aus Bieblinghausen, verkaufte seine Vorräthe seinem alten Geschäftsfreunde Joseph Davidsohn. Sobald eine Partie gedroschen war, fuhr er dieselbe nach Kinsingcn und erhielt sofort das Geld dafür. Diesmal sollten es 400 Himpten sein. Sie wurden nachgemeffen; aber es stellte sich heraus, daß es nur 381 waren. „Ei, Hans Gürke," sagte Davidsohn, „diesmal hat Er aber schlecht gemessen; das bin ich doch bei Ihm nicht gewohnt." Hans Gürke kratzte sich hinter die Ohren. „„HerrTavidsohn,"" sagteer, „„ich weiß nicht, wie das zugeht. Ich habe den Waizen selbst gemessen, und es müßte eher etwas mehr als weniger sein. Wenn ich nicht beim Nachmeffen dabei gewesen