Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1881)
- Date
- 1881-09-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXH. Jahrgang. Erste Leilagr z« Ar. 39 des Israelit. Leitender Artikel. Pie „Iudenfrage" vor der Htugust- Gonferenz. ii. 8. Die Hetzpartie des Referats ist nicht so bedeutend durch das, was darin gesagt — es ist das altbekannte Lied, was Stöcker und Henrici bereits in allen Tonarten gesungen — als vielmehr durch das, woraus nur hingedeutet wird. Wir sind schon gewohnt, den Vorwurf der Ausbeutung des Volkes in's Gesicht geschleudert zu bekommen, und da alles statistische Material, das bereits herbeigebracht worden, diese Lüge zu widerlegen, den Judenfeinden gegenüber nichts fruchtet, weil diese eben für jeden Beweis nur taube Ohren haben, so muß man das mit demselben Gleichmuthe hinnehmen, wie schon so manche politische Partei genöthigt war den Verunglimpfungen anderer Parteien gegenüber zu allerletzt sich mit Gleichmuts) zu waffnen. Den Vorwurf, die Juden eigneten sich wissenschaftliche Bildung an, darf man ruhig auf sich sitzen lassen, mögen Diejenigen sich schämen, die ein wissenschaftliches Streben Einem zum Vorwurf machen. Wir sind es gern zufrieden, wenn die Herren durch die Lamentationen — „wir haben jüdische Aerzte, Lehrer vom Universitätslehrer herab bis zum Volksschullehrer, der Juristen nicht zu vergessen! Die Juden sind so zahlreich in diesen Stellen, daß die Zustände nicht mehr erträglich sind" — uns ein so gutes Zeugniß unsrer Befähigung und unsres Strebens und sich ein so jämmerliches Armuthszeugniß ausstellen. Also die wenigen Juden machen den Herren auch auf wissenschaftlichem Gebiete bange. In geschäftlicher Beziehung läßt sich die Lüge colportiren, daß es unredliche Mittel seien, durch welche die Juden sich eine hervorragende Stellung errungen, nicht jeder ist Statistiker, um sich nicht hier täuschen zu lassen; aber der Unwissendste sieht doch ein, daß wenn die Juden unter Aerzten, Professoren und Lehrern so zahlreich vertreten seien, daß sie durch ihre Menge auffallen, doch nur ein ernst sittliches Streben dieses Verhältniß geschaffen haben muß. Hier läßt sich doch nichts von unredlichen Mitteln der Menge vorgaukeln! Wie man von einer Communalbehörde, in welcher Juden seien, eine genügende Fürsorge für die l Herstellung neuer christlicher Kirchen erwarten könne? j fragt der Referent. Für einen wahrheitsliebenden! Mann wäre es doch, ehe er eine Verdächtigung ausspricht, die Pflicht gewesen, Beispiele anzuführen, i daß eine Eommunalbehörde, in deren Mitte Juden z sind, die Bedürfnisse der christlichen Kirche vernach-! lässigt, und wenn dies geschehen, daß diese Vernachlässigung durch die winzige Minderheit der Juden in der Verwaltung veranlaßt worden sei. Das thut! der Referent aber nicht, warum? weil er eben keine Beispiele für die Wahrheit seiner Verdächtigung findet. Den Gipfel der Lüge betritt dann der ehrwürdige Herr mit dem Moment, da er behauptet, sich Reserve auferlegen zu müssen. „Das Aeußerste, was die Juden erreichen wollen, lasse sich gar nicht sagen." Wenn das unaussprechlich ist, was die Juden wollen, so müssen ihre Ziele ungeheuerliche sein, die man nicht auszusprechen wagt nicht allein aus Furcht, die Ohren der Zuhörer zu beleidigen, sondern aus Besorgniß, über die Lippen Worte kommen zu lassen, die man aus Ehrerbietung gegen geheiligte Personen und Institutionen gar nicht selbst auszusprechen wagt. Doch ist es eine infame Verleumdung, den Juden Absichten zu imputiren, die so ungeheuerlich sind, daß man sie selbst gar nicht aussprechen dürfte. Was der Referent meint, das ist genau ersichtlich aus dem Beispiel, das er für die äußersten Absichten den Juden anführt, es sei nämlich — das sei, was man sagen könne — eine Petition dem Reichskanzleramt zugegangen, man möge doch dem großen Versöhnungstage der Juden staatliche Beachtung gewähren. Furchtbares Verlangen! Nicht wahr, da sieht man, wohinaus die Juden wollen: sie wollen das Judenthum zur herrschenden Religion machen! Und wie sieht es dann mit Kaiser und Reich aus? Sind wir jetzt nicht da angelangt, was man gar nicht aussprechen darf? Nun, Gottlob, daß nicht stärkere Beweisgründe gegen die verrätherischen und gefährlichen Absichten der Juden beigebracht werden können! Wir meinen, und Jeder, der nicht gerade Gehässiges entdecken will, wird uns beipflichten, daß eine Petition, welche um staatliche Beachtung des Versöhnungstages bittet, nichts Staatsgefährliches enthält, wenn man die Motive derselben prüft. Wir sehen nicht so schwarz, daß, wie der Referent meint, der Staat dann auch Rücksicht auf den Sabbat nehmen müßte, da eines nicht vom andern