Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1881)
- Date
- 1881-09-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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983 und seinen Glanz zu erhöhen. Kann er das nicht, so sinkt er im Ansehen, und die ehrgeizigen Heerführer werden die Herzen der Soldaten für sich gewinnen, um ihn zu stürzen. Könntest Du, Antinous, eine Armee in's Feld führen, Pläne erdenken, Schlachten ersinnen, des Feindes Gedanken errathen?'" „Nimmermehr!" „„Gin Kaiser muß ein großer Menschenkenner sein. Er muß die Herzen Derer prüfen, die ihn umgeben, ob sie ihm treu gesinnt seien, muß Wahrheit von Falschheit, Aufrichtigkeit und Liebe von Heuchelei zu unterscheiden wissen. Er muß die Schmeichler durchschauen und die Verräther von sich fern halten können. Bist Du ein Menschenkenner, Antionus?" " „Ich durchschaue Niemanden und traue Jedem." „„Der Beherrscher eines großen Reiches, das aus vielen Ländern und Völkerschaften zusammengesetzt ist, muß alle Zweige der Verwaltung genau kennen, damit er die richtigen Männer mit den Aemtern betraut. Kann er das nicht, so zerrüttet er das Reich und treibt die Provinzen zum Aufstande. Er selbst aber wird zum Spielball gewissenloser Menschen, die ihn zu allerlei Schlechtigkeiten und Grausamkeiten verleiten. Dadurch erweckt er den Haß und beschwört die Rache herauf, so daß er keinen Augenblick seines Lebens sicher ist. So fiel Kaligula, so fiel Nero, so fiel Domitian durch den Dolch der Meuchelmörder. Und ehe sie den Tod fanden, ulußten sie in jedem Augenblicke erzittern, und Tag und Nacht in Todesangst schweben. Gibt es ein elenderes, schrecklicheres Leben als das, in welchem jede Freude, jeder Genuß durch die Todesangst vergällt wird?"" „Nein, nein, ich will nicht Kaiser werden! Ich will Hadrian bitten, daß er von diesem Plane abstehe." „„Thörichtcr Knabe, hast Du jemals gehört, daß Hadrian sich durch eines Menschen Bitte bestimmen lasse, von dem abzugehen, was zu tbun er beschlossen hat?"" Antionus schwieg; er wußte, daß der Prätor Recht habe. So ritten sie schweigend neben einander her, bis Antinous bat: „Gib mir einen Rath, mein Verus, wie kann ich diesem schrecklichen Loose entgehen?" „„Wenn es Dir bangt, ein Gott zu werden auf Erden, so mache von dem Vorrechte Gebrauch, welches den Menschen vor den Göttern zu Theil ist worden." " „Ich verstehe Dich nicht." „„Jeder Mensch hat das Recht, aus der Reihe der Lebenden zu treten, sobald ihm das Nichtsein erträglicher erscheint als das Dasein und es ihm beliebt, dem Tode zu rufen. Die Götter, sie können nicht sterben, und in diesem Punkte ist ihnen der Mensch überlegen."" „Du räthst mir ....?" „„Ich rathe Dir gar nichts; ich habe Dir nur die Belehrung gegeben, die Du von mir verlangt hast."" Sie kamen in Besä an, wo sie übernachteten. Am andern Morgen erschien ein Eilbote des Kaisers, welcher den Prätor zurückrief. Sabina verlangte nach ihm. Antionus nahm Abschied von Verus. Der Bithynier hatte eine schlaflose Nacht verbracht. Schreckliche Bilder erfüllten seine Phantasie. Er sah den Dolch des Mörders gegen sich gezückt, er sah all das Elend vor Augen, welches ihm der Prätor gestern mit so lebhaften Farben geschildert hatte. Er nahm Mastor mit sich und machte einen Spaziergang am Ufer des Nils. Vor ihm lag der majestätische Fluß, der in der Nähe von Besä wohl drei Stunden' breit ist. Die blaue Fluth glänzte im Sonnenschein. „O," sprach Antinous vor sich hin, „wie schön, wie herrlich muß es sein, hier das Ende aller Qualen und Schmerzen zu suchen!" Ein Nachen lag am Ufer. Antinous stieß ihn kräftig in's Wasser und sprang dann mit einem schnellen Satze in den Kahn. Schon hatte er die Ruder ergriffen, als Mastor ihm zurief: „Herr, was machst Du da?" „„Grüße den Kaiser,"" rief Antinous zurück, „„er wird mich nicht Wiedersehen."" „Halt ein, Unglücklicher, kehre zurück!" rief der Sclave, und warf sich in einen andern Kahn; aber des Bithyniers Nachen flog von gewaltigen Ruderschlägen getrieben rascher und rascher in den Strom hinein. Mastor regte mit dem Aufgebot aller Kräfte in dem andern Kahne die Arme, aber er vermochte dem Fahrzeuge, das er verfolgte, nicht näher zu kommen. So erreichten Beide in wilder Wettfahrt die Mitte des Stromes. Da sah der Sclave die Ruder des Bithyniers durch die Luft fliegen; unthätig mußte er mitansehen, wie sich der Jüngling in die Wogen gleiten ließ. Während dies in Besä geschah, waren die Abgeordneten der ägyptischen Priesterschaft in die Lochias gekommen, um dem Kaiser zu huldigen. Sie hatten ein Ehrengeschenk, aus hunderttausend Goldstücken bestehend, mitgebracht. Als die Abgeordneten dem Kaiser gemeldet wurden, ließ er sich mit dem Purpur bekleiden und begab sich in die Musenhalle, um dort von seinem