Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1881)
- Date
- 1881-09-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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962 Bettler denke. Wie schade wäre es, fügte der Künstler hinzu, daß der Herr Baron, wenn schon kein Bettler, nicht wenigstens ein Modellsteher! Rothschild entgegnete, daß er gewohnt sei, für die Kunst kein Opfer zu scheuen und daher gern bereit sei, in das Atelier zu kommen, um für den Bettler auf dem Bilde Modell zu stehen. So geschah es, daß das Schauspiel „Rothschild als Bettler" zu erblicken war. Delacroix hatte ihm im Atelier die passende Tunika übergeworfen, ihm einen langen Stab in die Hand gegeben und ihn in der Art placirt, als ob er ausruhend auf den Stufen eines römischen Tempels säße. Ein junger Künstler, Freund und Schüler des großen Malers hatte allein Zutritt zu dem Atelier, und bei seinem Eintritt von dem Anblick überrascht, beglückwünschte er den Meister, das lang gesuchte Modell endlich gefunden zu haben. Ahnungslos, daß er nicht wirklich einen von der Straße aufgegriffenen Nothleidenden vor sich sah, drückte der junge Mann dem regungslos Sitzenden heimlich ein Zwanzigfrancsstück in die Hand. Rothschild dankte durch einen Wink der Augen und behielt das Geld, zog aber nach der baldigen Entfernung des Gebers Erkundigungen über ihn bei Delacroix ein. Der junge Mann war ziemlich unbemittelt, lebte größtentheils von den Lehrstunden, die ergab, und sollte erst Carriöre machen, woran ihn eben der Mangel an Mitteln einigermaßen hinderte. Rothschild notirte sich Namen und Adresse und nach einer nicht langen Zeit erhielt der junge Mann einen Brief des Inhalts, daß Wohlthun immer Zinsen trage, daß die Zinsen für den wohlthätig gespendeten Louis sich zufällig im Comptoir Rothschild angesammelt hätten, von wo der junge Mann sie in einem Betrage von mehr als 10,000 Francs abholen möge. Türkei. Smyrna, Anfang September. Auf der Insel Chios haben neuerdings wieder Erdbeben stattgefunden. In Folge dieses sind einige nach ihrer Heimath zurückgekehrten Juden wieder hierhergekommen, um sich bleibend hier niederzulassen. Da dieselben jedoch arm sind, so fallen sie der an sich armen Gemeinde r,ur Last. (Jew. Ehr.) Feuilleton. U k i b a. XXXIX. Antinous hatte sich vom Kaiser die Erlaubniß erbeten, das Innere des Landes kennen zu lernen. Der Prätor Berus und zahlreiche Diener und Sclavcn begleiteten ihn; unter den Letzteren befand sich auch Mastor, der treueste Sclave des Kaisers, der sonst dazu bestimmt war, Hadrians eigene Person zu behüten, wozu ihn eine herkulische Körperkraft ganz besonders befähigte. Ihm vor Allen hatte der Kaiser aufgctragen, über die Sicherheit seines Lieblings zu wachen. Das Ziel der Reise war die am Nil gelegene Stadt Besä. Während Antinous und Berus an der Spitze des Zuges auf ihren Maulthkeren dahinritten, sagte der Bityynier: „Mein Berus, willst Du wohl die Güte haben, mich zu belehren? Ich bin ein unwissender Jüngling, in kleinen und geringen Berhältnissen ausgewachsen. Vieles ist mir unklar und dunkel." „„Sprich!"" antwortete der Prätor, „„ich stehe Dir gern mit meinem geringen Wissen zu Diensten."" „Du sagtest unlängst, daß es meine Pflicht sei, dem Kaiser ein heiteres Antlitz zu zeigen, um ihm die schweren Lasten und Sorgen der Regierung zu erleichtern. Ist es denn so schwer, Kaiser zu sein?" Berus sah den Fragenden mit einem durchdringenden Blicke an. „„Ist es das,"" fragteer, „„worüberDu meine Belehrung wünschest? Frage doch Hadrian, der wird Dir besser Auskunft darüber zu geben vermögen."" „Ich will Dir etwas anvertrauen. Der Kaiser hat mir mitgetheilt, daß es seine Absicht ist, mich als seinen Sohn zu adoptiren und zu seinem Nachfolger zu ernennen." Berus erschrak. Wie richtig hatte Sabina geurtheilt! Der feingebildete Hofmann, in allen Künsten der Verstellung erfahren, bemusterte schnell das Gefühl tiefer Bitterkeit, das in ihm aufstieg. Freundlich sprach er zu seinem Begleiter: „„Da muß mau Dir ja Glück wünschen, Antionus!"" „Das möchte ich eben von Dir wissen, ob es ein Glück sei, Kaiser zu sein." „„Ob es ein Glück sei? Es gibt für aufstrebende Geister kein größeres Glück als die höchste Herrschaft zu erringen, ein Gott dieser Erde zu sein, die ganze Welt zu seinen Füßen zu wissen, der ganzen Welt zu gebieten und sie zu beherrschen Aber nicht Jeder ist dieser großen Aufgabe gewachsen Für kleine Geister wäre die Herrschaft eine Last, die sie elend und unglücklich machen würde." ' „Erkläre mir das." „„Ein Kaiser muß vor Allem ein Kriegsheld sein. Er muß sich an die Spitze seiner Heere stellen können, um die Feinde zu besiegen und zu unterjochen, und den Ruhm des Reiches zu vermehren