Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1881)
- Date
- 1881-09-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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981 daß nächster Tage 300 russische Juden auf Kosten der „Alliance" nach Amerika auswandern. Großfürst Wladimir Alexandrowicz hat einer Judendeputation unter Führung des Banquiers Brodzki geantwortet, daß, so lange der Bericht des Grafen Kutaisow, der zur Eruirung der Ursachen der Judenhetzen delegirt wurde, nicht vorliegt, von einer Sistirung der Ausweisungs-Ordre keine Rede sein könne. Rumänien. Bukarest. Wie ich höre, hat sich der aus Rußland nach Rumänien geflüchteten Israeliten ein Londoner Comittz angenommen, welches auch von rumänischen Juden unterstützt wird. Da die Zahl der besitzlosen Israeliten schon vor der letzten Einwanderung aus Rußland in Rumänien eine verhältnißmäßig große war, so will das ComitL den aus Rußland Vertriebenen eine neue Heimath gründen, zu welcher ursprünglich Palästina ins Auge gefaßt worden war; doch ist man von dieser Idee abgekommen, und die isr. Einwanderung wird nun nach Nordamerika geleitet, wo die Emigranten sich dem Ackerbnu widmen und zu diesem Zwecke von der Washingtoner Regierung Grundbesitz erwerben werden. Anfänglich waren für die transatlantische isr. Colonie nur die aus Rußland vertriebenen Juden ins Auge gefaßt worden; da es aber in der Moldau schon aus früherer Zeit viele mittel-und erwerbslose Israeliten gibt, so sollen auch diese an der Wohlthat participiren, und haben sich bereits 500 Familien zur Emigration gemeldet. Die Reise-Unterstützung, welche dieselben erhalten, beträgt für die Familie 500 Francs in baarem Gelde, wozu außerdem noch die freie Ueberfahrt über den Ocean kommt. (N. fr. Pr.) Deutschland. Berlin. Aus verschiedenen Gegenden hört man, daß ^Petitionen in Sachen der sog. Inden- Frage an den Landtag gesandt werden sollen. Die bekannte Antisemiten-Petition war an den Reichskanzler gerichtet; über ihr Schicksal hat man weiter nichts erfahren, als daß der Empfang derselben durch den Geh. Rath Tiedemann einfach attestirt worden ist. Auch die für den Landtag bestimmten Petitionen sollen die Verkürzung der den Juden gewährleisteten verfaffungsmäßigen Rechte verlangen. Es ist gut, daß die Sache in dieser Form vor die Volksvertretung tritt, weil diese dann ein Votum hierüber abzugeben haben wird; dann wird man ja sehen, ob es den Conservativen und Antisemiten unter der Führung des Herrn Stöcker Ernst ist mit ihren Versicherungen, daß sie die den Juden gewährleisteten Rechte nicht antasten wollen. Berlin. Es circulirt ein Gerücht, wonach die letzte Verfügung des Ministers des Innern v. Puttkamer betreffs der Judenexceffe auf eine Intervention des Kronprinzen znrückzuführen ist; der Kronprinz, heißt es, habe aus England ein Schreiben an den Kaiser gerichtet, in welchem er den schlechten Eindruck dargelegt habe, den die letzten Vorgänge in Hinterpommern auf die öffentliche Meinung in England gemacht hätten. Es wird hier erzählt, daß allerdings während des medizinischen Kongresses in London die Judenfrage zwischen dem Kronprinzen und einigen dort anwesenden deutschen Gelehrten, man nennt u. A. Virchow, diskutirt worden ist, wobei der Kronprinz wiederholt sein Mißfallen über die Vorgänge ausgesprochen haben soll. Inwieweit die Mittheilungen über den Briefwechsel zwischen dem Kronprinzen und dem Kaiser korrekt sind, habe ich nicht ermitteln können. Frankreich. Paris. Aus dem Leben des verstorbenen Barons James von Rothschild erzählt Hieronymus Lorm in dem „Pester Loyd" die folgende hübsche Anekdote: Der berühmte Maler Eugöne Delacroix speiste eines Tages bei Baron Rothschild und sah während des ganzen Diners so aufmerksam und unverwandt auf das Antlitz des Hausherrn, daß es diesem auffiel und er nach aufgehobener Tafel den Künstler um die Ursache fragte. Delacroix erwiderte, daß er seit Monaten vergebens in Paris nach dem Modell für eine Bettlerfigur suche, die er auf seinem neuesten Gemälde anbringen wolle und nun entdeckt habe, daß, seltsam genug, gerade der Krösus den richtigen Kopf für den Bettler habe, wie sich ihn der