Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1881)
- Date
- 1881-09-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447850-2447886--18027-2474054- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
980 erneuern sich vor unseren erschrockenen Augen öffentliche Clubs bitten um die Austreibung, wie in dm traurigen Tagen Torquemada's. Die verbrecherische Intoleranz zeigt an, daß kranke Kinder hebräisches Gift bekommen und daß an dem öffentlichen Unglück die Noth der Gottesmörder die Schuld trage. Wir scheinen um vier Jahrhunderte von dem unserigen, dem so strahlenden, entfernt und zurückversetzt in die Tage, in denen auf ein von der Bosheit ausgestreutes Gerücht, daß die verfluchte Race die Kinder dm: Schoße der Mütter geraubt, um sie bei den Opferungen ihres Gottesdienstes zu verwenden, wüthende Schaaren mit Fackel und Dolch auszogen, erbarmungslos die Häuser in Brand steckend und ohne Rast die wehrlosesten Geschöpfe verfolgend. Wir würden über den gelacht haben, der uns ein solches Verbrechen angezeigt hätte, gegen den Gedanken und die Freiheit, begangen vom Volke der Gedankenfreiheit! Und es besteht zum allgemeinen Aergerniß. Eine Waffe ist es, geschwungen von den Reactionären und Ultramontanen gegen die liberale Partei, die so viele Juden zu ihren Anhängern zählt; eine Waffe der Reactionäre und Ultramontanen, als ob nicht die Tinte noch frisch wäre, mit der die Gesetze gegen diejenigen geschrieben wurden, die jetzt so zurückschreiten und die Verbannung erbitten, die noch über ihren eigenen Häuptern schwebt. Wenn der Athener der Künstler, der Römer der Politiker, der Phonicier der Handelsmann, der Assyrer der Astronom, der Aegypter der Astrolog und der Perser der Soldat ist, so ist der Jude durch seinen Tempel und seinen Gott der Priester des Alterthums. Die Hauptidee unserer Theologie, die Idee des absoluten und ewigen Seins ist seine Idee; das Moralgesetz, das uns noch mit seinen unzerstörbaren Gebieten beherrscht, ist geschrieben worden in der Gluth der Dornbüsche des Horeb und beim Funkeln der Blitze des Sinai. Nur die Zähigkeit eines solchen Volkes konnte die reine Idee der Einheit Gottes unverletzt bewahren, als sich die Sphinx auf ihren granitnen Piedestalen bewegten und die Nymphen und Syrenen ebenso in den Wogen der Lüste wie in dem Lauf der Bäche sangen, um die Welt heidnisch zu machen. Wir Alle haben durch unsere ästhetischen Gefühle etwas von Athenern und durch unsere religiösen Gefühle etwas von Israeliten. Die jüdische Rasse zerstreut, umherirrend, ohne Vaterland, ohne Heerd, außer Stande den Tempel Salomon's wiederherzustellen, der da zerstört wurde, als sie bereits das Christenthum occupirt und geboren; diese Nasse, die der Gegenstand so vieler Flüche, die Zielscheibe so großer Wuth ist, hat in der Welt das Uebergewicht, weil sie in ihrer Intelligenz mit den höchsten Principien der Metaphysik die klarsten Instinkte des Vortheils verbindet. Deutschland vor Allem kann die hebräische Rasse nicht verleugnen. Seine ersten Philosophen haben die ersten Principien ihrer Wissenschaft in dem erhabenen Buche eines Juden, in den Theorien Spinoza's buchstabirt. Die deutsche Musik hat einen Meierbeer, die deutsche Poesie einen Heine, die Philosophie einen Mendelssohn, die Alle ihrem Vaterlande Tage unverwelklichen Ruhmes gegeben. Nichts trauriger als diese Rückschritte, denn jedes Volk das zurückschreitet, sinkt. Wenn sich Deutschland in einen Paladin der religiösen Intoleranz verwandeln würde, um seinem Ursprung untreu zu werden und einen Meineid an seinen Ideen zu begehen, so würde es gar bald vom Planeten verschwinden, wie alle selbstmörderischen Nationen, welche die ursprüglichen Principien des Rechtes verkennen." Wien. Unter den Deputationen, welche der Kaiser anläßlich seiner Anwesenheit in Miskolcz empfangen hat, befanden sich auch die Vertreter der religiösen Genossenschaften. Gerade in den gegenwärtigen Zeitläuften wird es von Interesse sein, jene Punkte kennen zu lernen, auf welche der Kaiser in seinen Antworten besonderen Nachdruck gelegt hat. Der Monarch erwiderte auf die Ansprache des Erzbischofs Samaffa, Vertreter des römischen und griechisch-katholischen Clerus: „Hch hin fest überzeugt, daß ich in Ihnen nicht blos die txeuen Stützen des Thrones und des Vaterlandes, sondern auch entsprechend Ihrem heiligen Berufe, die eifrigen Apostel des Friedens und der Einigkeit erblicken kann." Dem Führer der Deputation der evangelischen Kirche antwortete der Kaiser: „Säen und pflegen Sie in der Brust ihrer Gläubigen den Samen der Glaubens- Moral, der brüderlichen Eintracht, sowie der Achtung der Gesetze." In der Antwort des Monarchen an die Deputation der reformirten Kirche hieß es: „Ich erwarte von Ihnen, daß Sie durch Ihren Einfluß nebst der Befestigung der Glaubens-Moral bei der Ihrer Fürsorge anvertrauten Bevölkerung das gute brüderliche Verhältniß mit den Einwohnern aller Religionen und Nationalitäten sowie die Achtung des Gesetzes eifrig zu pflegen und zu erhalten nicht versäumen werden." Endlich bemerkte der Kaiser zu der Deputation der israelitischen Gemeinde: „Die Zufriedenheit aller Classen meiner Völker gleichmäßig wünschend, vertrauen Sie auf meinen allzeitigen Schutz, welchen ich um so lieber verspreche, je mehr Ihre Glaubensgenossen durch ihre Haltung sich auch fernerhin um dieselbe verdient machen." Krakau, 13. September. Heute passirten hier einige reiche, aus Rußland ausgewiesene jüdische Familien durch, die auf eigene Kosten nach Deutschland und Frankreich auswandern. Dieselben berichten,