Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1881)
- Date
- 1881-09-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447850-2447886--18026-2474053- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
gionsgesellschaft entstanden, wie sie sich aus winzigen Anfängen emporgeschwungen habe, wie ihr Heiligthum ähnlich den Mikdosch- Wanderungen viermal gewandert sei von der Betstube bis zur eigenen Synagoge, dann wieder ausgewandcrt, bis sie erweitert worden war, und wie denn jetzt der Abschluß des Heilig- Lhumbaues sich in dem prächtigen 'pn darstelle. Habe man aber eine Thoralade, auf welche man stolz sein könnte, habe man der Thora eine Prachtstätte errichtet, so drücke das eben aus, daß man die Thora als das herrlichste Gut betrachte, als dasjenige, von dem das ganze Leben beherrscht, von dessen Geiste das ganze Leben getragen sein müsse. Darum hat der Besitz einer solch' prächtigen Lade auch seine sehr ernste Seite, da ans demselben die Pflicht erwächst, die Thora zu hüten, sie im Leben zu bewähren, damit wir unfern Kindern mit dem Monumente auch den Geist der Thora ihnen vererben, daß sie bei dessen Anblick auf ihre Väter weisen können: „Das haben unsre Väter uns gestiftet, in dem Geiste der Thora haben unsre Väter gelebt!" Wie auch die Zeiten sich verwandeln mögen, so schloß der Redner, welche'Drangsale unserm Volke auch bestimmt sein sollten, wie auch die nnn sich ändern, bewahren wir die Thora, Gottes Güte ist unwandelbar: irwcN -nn ~rn non *r. 3:0 w. Mit dem Gesänge -neto und dem sich daran reihenden 2'->z?c-Gebete schloß die Feier. 8. Frankfurt a. M. Ihr geschätzter Berichterstatter über die hiesige Patent-Ausstellung hob die von I. Kaufs mann Hierselbst ausgestellten Stickereien (Porauches, Schulchandecken, Mäntel) als äußerst werthvolle und kunstreiche hervor. Wie berechtigt dieses Urtheil war, zeigt sich darin, daß der Aussteller derselben mit der großen silbernen Me-! daille prämirt worden. Stolp, 21. Sept. Vom hiesigen Schöffengerichte wurde in der letzten Sitzung anläßlich der antisemitischen Tumulte in den ersten Tagen dieses Monats die Töpfer-Gesellen Schirm und Weichmann und der Zimmerlehrling Kutz ein jeder zu einem! Monat Gesängniß und Tragung der Prozeßkosten! verurtheilt. j Oesterr. - Ungar. Monarchie. j Wien. In der Sitzung des „Deutschen Schrift-! stellertages" zu Wien verlas Dr. Johann Fasten- 1 rath (Köln), welcher einen Gruß Spaniens, der . Heimath der Inquisition, an Wien zu überbringen j hatte, eine Mahnung gegen die antisemitische Bewe- 1 gung in Deutschland, welche Niemand Geringeren! zum Verfasser hat, als Emilio Castelar. Die Mahi nung, welche in dem spanischen Journal „Eldia" veröffentlicht worden, rief bei der Verlesung in der Schriftstellerversammlung stürmischen Beifall hervor. Dieselbe lautet: „In der modernen Welt ist die Freiheit wie die Atmosphäre in der physischen Welt. Sich mit wahrem Glauben in einem solchen Lebensprincip inspi-! riren, heißt, eine mit Oxyden erfüllte reine Lust einathmen. Daher verstehe ich nicht, daß Nationen, die i von Alters her dm liberalen Ideen angehangen ha-; den, sie schließlich aufgeben und verrathen. Und da i ich das nicht verstehe, so kann ich das Alles nicht! verstehen, was Deutschland ohne irgendwelche Ver-! nunft in der Sache der so ganz unglaublichen antij semitischen Agitation thut. Man begreift nicht Ame- - rika ohne seine Republik, Frankreich ohne seine De-; mokratie, England ohne sein Parlament, Italien! ohne seine Kunst, Spanien ohne seinen Heldenmuth; i aber noch weniger begreift man Deutschland ohne j seine religiöse Freiheit. Wenn in dem allgemeinen l Urtheil der Völker ihr ihm das Privilegium nehmt, das menschliche Gewissen emancipirt und erlöst zu haben, welch anderer größerer Ruhmestitel kann ihm übrig bleiben? Dies arme Deutschland, das aus seinen Wäldern ausgezogen, die durchkreuzt waren von so vielen Jrwischen und eingehüllt in so viele dichte Schatten, um die persönliche Unabhängigkeit der germanischen Stämme zu den Gebietern des römischen Kaiserreiches zu tragen; um dem durch? die Päpste repräsentirten theatralischen Staat den durch die Kaiser repräsentirten Laicnftaat entgegenzusetzen: um mit der Reformation das göttliche Orakel zu Wecken, welches der Schöpfer in die menschliche Creatur gelegt hat, die durch die Tradition gedrückt und durch die absolute Autorität eingeschränkt war; dies Deutschland kann nicht den ursprünglichen Principien der Freiheit der Seelen entsagen, ohne den ganzen Hauptgedanken aufzugeben, der sein Leben beseelt und ohne dem glorreichen Dienst völlig untreu zu werden, den es in der Geschichte erfüllt hat. Man kann sagen, daß im achtzehnten Jahrhundert drei Volker glänzten: das demokratische Frankreich durch seine Revolution, das sächsische Amerika durch seine Republik und das protestantische Preußen durch seine Philosophie. In jenem Jahrhundert weist dieses zwei Namen auf, die allein genügen würden es unsterblich zu machen: den Namen Friedrich» des Zweiten und den Emanuel Kant's. Dieser repräsentirt die Philosophie des Rechtes, jener die Toleranz und die Weite des Gedankens. Diese Nation, die ihre Thore den Jesuiten geöffnet, als alle Nationen sie ihnen schloffen, kann nicht ihre Thore den Inden schließen, da alle Nationen sie ihnen öffnen. Scenen, die wir dem Mittelalter eigen glaubten.