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Der Israelit · 1881-09-21 · Heft 38 (21.9.1881) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 38 (21.9.1881)
Date
1881-09-21
Page
– (sequence 12)
Language
German
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960 die ganze jüdische Gemeinde, standen am Bauplatze und schauten den Arbeiten zu. Das gesellige Leben war ein streng geschiedenes. Die Honoratioren, an deren Spitze der Herr Oberamtmann stand, verkehrten nur unter sich. Zu ihnen gehörten außer dem Genannten der Amts-Assessor, der Bürgermeister, der Syndikus, der Arzt, der Apotheker, der Gerichtsvoigt, die zwei Advokaten, der Steuereinnehmer, der Oberförster und noch einige vornehme, reiche Bürger. Man kann sich denken, wie sehr sich Joseph Davidsohn geschmeichelt fühlte, als er in den Club der Honoratioren ausgenommen wurde. Wenn es seine vielseitige Thätigkeit ihm nur irgendwie gestattete, so versäumte er nicht, sich in die „Stadt Hamburg," den ersten Gasthof von Kinsingen, in das Honoratiorenstübchen zu begeben, um mit dem Herrn Oberamtmann, dem Amtsassessor und dem Bürgermeister eine Partie Whist zu spielen. Den folgenden Tag pflegte er dann einem Jeden, mit dem er zusammenkam, von seiner vornehmen Gesellschaft zu berichten, und „der Herr Oberamtmann hat mich's selbst erzählt" war ihm stehende Redensart. Joseph Davidsohn hatte einen Vetter; der hieß Moses Ahronssohn. David und Ahron waren Brüder gewesen, und als auf landesherrlichen Befehl die Juden sich Familiennamen zulegen mußten, hatten sich die Söhne der beiden Brüder, nach Mendelssohns Vorgang, Davidsohn und Ahronssohn genannt. Moses Ahronssohn war ein sehr braver Mann, redlich, fleißig und gottesfürchtig. Allein das Glück hatte ihm nie gelächelt. Sein Vater war ihm früh gestorben, und er, der älteste Sohn, hatte seine Mutter und seine jüngeren Geschwister ernähren müssen. Er erwarb sein Brod, indem er mit einem schweren Packen belastet in den umliegenden Dörfern hausiren ging. Er hatte eine einzige Tochter, ein schönes Mädchen von 18 Jahren. Simon, der älteste Sohn des Kozin, sah die liebliche Sulamith sehr gern; allein er durfte nicht daran denken, daß sein Vater jemals die Einwilligung zu einer Verbindung mit dem armen Mädchen geben würde. Eines Tages kehrte Joseph Davidsohn von einer Geschäftsreise zurück. Er hatte sein eigenes Pferd, seinen eigenen Wagen und kutschirte selbst. Er war sehr guter Laune, denn er hatte ein gutes Geschäft gemacht. Er hatte einem Gutsbesitzer dessen ganzen Vorrath an Wolle zu einem sehr billigen Preise abgekaust, und die Wolle war im Steigen. Während er so fröhlich und wohlgemuth dahinfuhr, bemerkte er, wie sein Vetter Moses, unter der schweren Last seines Packens keuchend, langsam der Heimath zuging. „Heda, Moses," rief er ihn an, „bleib' stehen! ich werde Dich gleich eingeholt haben; da kannst Du zu mich aufsteigen und Deinen Packen hinten aufschnallen." Moses blieb stehen, und nach wenigen Augenblicken hielt Joseph den Wagen an. „„Ich danke Dir, lieber Vetter,"" sagte Moses, seinen Packen an den Wagen schnallend. „„Du thust mir wirklich einen großen Gefallen. Es ist noch eine Stunde bis Kinsingen, und ich bin heute schon sehr müde geworden."" Nachdem er den Packen angeschnallt hatte, schwang er sich auf den Wagen, setzte sich neben seinen Vetter, und das Wägelein rollte davon. „Hast Du gute Geschäfte gemacht, Moses?" fragte der Besitzer des Wagens. „„Ich bin, Gott sei Dank, zufrieden,"" antwortete der Gefragte, „„Gott hat mir geholfen."" „Wie ordinair Du sprichst," sagte Joseph vornehm lächelnd. „Gott hat mir geholfen! Kannst Du nicht sagen: Mich geholfen? Alle Juden sagen mir statt mich. Das klingt so plebejisch, wie der Herr Oberamtmann sich auszudrücken beliebt. Was hast Du wohl verdient heute?" „„Ich habe heute einen selten guten Tag gehabt und habe nahezu fünf Thaler verdient."" „Moses, was bist Du ein glücklicher Mensch! Hast verdient noch nicht einmal fünf Thaler und machst ein Gesicht als wenn Du hättest gewonnen das große Loos! Siehe mich einmal an! Ich habe heute gemacht ein Geschäft, an welchem mich werden übrig bleiben wenigstens tausend Thaler. Siehst Du, wie glücklich Du bist! Dich machen schon froh fünf Thaler, und um nlich eine Freude zut machen, müssen's schon sein tausend Thaler. Du wirst mich doch geben zu, daß es leichter ist zu verdienen fünf Thaler als tausend Thaler." „„Lieber Vetter,"" sagte Moses, „„für Dir ist es leichter tausend Thaler zu verdienen, als daß ich verdiene fünf Thaler."" Joseph schmunzelte vergnügt. „Du bist ein gescheidter Mann, Moses," sagte er. „Nur solltest Du Dir abgewöhnen das plebejische Dir und Mir. Man sieht, daß Du keinen vornehmen Umgang hast." „„Lieber Joseph, ein Jeder muß so sprechen, wie es ihm zukommt; wenn ich immer sagen wollte mich und Dich, so würden mir meine Kunden gar nicht verstehen. Ein geringer Mann, wie ich, darf nicht höher hinauswollen, als es ihm seine Verhältnisse gestatten."" „Da hast Du recht," sagte Joseph zustimmend. Er dachte wohl daran, daß sein Sohn Simon die hübsche Sulamith gern sah. „Apropos," sagte er. „Deine Tochter muß doch bald das heiratsfähige Alter haben!"

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