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Der Israelit · 1881-09-21 · Heft 38 (21.9.1881) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 38 (21.9.1881)
Date
1881-09-21
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Stadt war schön geschmückt; wie gewöhnlich gingen die Kinder unserer Schule dem Fürsten entgegen. Im Augenblicke, als Se. Hoheit vor der isr. Abteilung vorüberzog, trat ein Knabe zu ihm vor und überreichte ihm in einer Enveloppe eine Abschrift des Liedes, das man eben gesungen hatte. Erst anl Abend (es war Freitag Abend) fand beim Fürsten der Empfang statt. Tie isr. Deputation bestand aus dem Großrabbiner, dem Präsidenten Moses AriL, Jsaac Aritz, M. A. Arie, Elieser Aris, Ma'ir Elkalay und mir. Ausnahmsweise fand dieses Mal nur ein Collectiv-Empfang statt; die Deputationen der verschiedenen Gemeinden stellten sich alle zugleich vor. Nachdem Se. H. der Fürst vermittelst seines Dolmetschers mit den Bulgaren gesprochen hatte, richtete er sofort an uns das Wort, obgleich die Muselmanen uns vorstanden. Da er wußte, daß wir französisch sprachen, fragte er uns, ob die jüdische Colonie von Samakoff groß wäre, ich antwortete ihm, daß sie ungefähr 600 Seelen zähle. Der Fürst dankte uns für den Besuch, den wir uns beeifert hätten, ihrn zu machen — trotz des Samstags. Er schloß, indem er uns „Guten Samstag" wünschte. Der Großrabbiner wurde am selben Abend zu einem von dem Fürsten gegebenen Banguet geladen, bei welchem die Gemeinden durch ein oder mehrere Mitglieder vertreten waren. Per $03111.') 1. Joseph Davidsohn war ein großer Kozin; er war nicht allein der reichste Mann in Kinsingen, sondern auch in der ganzen Provinz war Keiner, der an Reichthum ihm gleichgekommen wäre; man nannte ihn daher schlechtweg den Kozin oder auch den Rothschild von Kinsingen. Joseph Davidsohn hatte sich ein großes, schönes Haus erbauen lassen, welches er mit seiner zahlreichen Familie bewohnte. Er hatte ein sehr bedeutendes Geschäft: Manufakrurwaaren, Spezereiwaaren, Eisenwaaren, — die Bewohner von Kinsingen fanden so ziemlich Alles, was sie brauchten in den verschiedenen Läden des Kozins. Sollte ein junges Mädchen heirathen und war die Ausstattung zu besorgen, so brauchte die Mutter der Braut sich nur in das Haus David- Whn's zu begeben, um alles Nöthige einzukaufen: Leidenzeuge, Wollenstoffe, Kattune und Leinwand, *) Nachdruck verboten. I Betten und Möbel, Kochgeschirr und Porzellanwaaren,! Gläser, Löffel, Messer und Gabeln. Außerdem be- I trieb Davidsohn einen schwungvollen Kornhaudel;! er kaufte den Bauern den Ertrag ihrer Felder ab j und verkaufte wieder an Müller und Bäcker. Auch Wolle, Häute, Pferdehaare, Schweinsborsten, Wachs kaufte er in großen Partien ein, um alle diese Landesprodutte in einer nicht allzufernen Handelsstadt wieder an den Markt zu bringen. Joseph Davidsohn war ein Kaufmann von altem Schrot, der weder das Kleine gering achtete, noch sich vor großen Unternehmungen scheute. Dabei hatte er die strengste Rechtlichkeit zum Grundprincip seiner geschäftlichen Dhätigkeit gemacht, und so konnte es nicht fehlen, daß er bei Allen, die ihn kannten, im größten Ansehen stand. Auch die Pflicht der Wohlthätigkeit übten er und seine brave, fromme Gattin, Frau Peßchen, in reichem Maße. Das Haus Davidsohn's stand allen Armen offen, ltirtT Jeder der hungrig und bekümmert in dasselbe eintrat, verließ es gesättigt und reich beschenkt. Es ist wohl ein halbes Jahrhundert verflossen, seit der Zeit, da Davidsohn auf der Höhe seines Ansehens und seines Reichthums stand. Damals war die Physiognomie der kleinen Städte eine ganz andere als heutzutage. Damals durchbrauste noch nicht das Dampfroß das Land, die entferntesten Punkte mit einander verbindend. Damals war eine kleine Stadt eine in sich abgeschlossene Welt. Zeitungen wurden nur von sehr Wenigen gelesen, und das Wochenblättchen war fast die einzige periodische Lectüre der Kleinstädter, das Wochenblättchen, das nur Annoncen enthielt, und der Kalender, welcher einige Anecdoten, Räubergeschichten und Hausarzneimittel seinen wißbegierigen Lesern brachte. Das Gerichtsverfahren war ein heimliches und schriftliches , und bot deshalb nur geringen Gesprächsstoff. Die Post kam jede Woche zweimal in Kinsingen an, und die Verbindung mit der fernen Außenwelt war daher ziemlich unbedeutend. Destomehr kümmerten sich die Einwohner der kleinen Stadt umeinander. Ein Jeder wußte ganz genau, was der Andere zu Mittag aß oder wie es sonst um seine häuslichen Angelegenheiten stand. Wenn ein Acker verkauft wurde oder gar ein Haus seinen Besitzer wechselte, so bot das Stoff zur Unterhaltung für mehrere Monate. Hat der Käufer theuer oder billig gekauft? Kann er die Anzahlungssumme aus eignen Mitteln zahlen oder muß er noch dazu borgen? Hat er sich nicht eine zu große Last aufgeladen? Wird er Veränderungen vornehmen? Alle diese Fragen wurden auf das Genaueste erörtert. Wurde aber gar ein neues Haus gebaut, was allerdings selten genug vorkam, so war das ein ganzes Ereigniß. Sämmtliche Müssiggänger des Orts, und am Sabbat

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