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Der Israelit · 1881-09-21 · Heft 38 (21.9.1881) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 38 (21.9.1881)
Date
1881-09-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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956 nous, der Liebling meines Herzens, leidet seit einiger Zeit an großer Schwermuth. Es ist nicht zu verwundern, daß ein Jüngling, wie er, an dem ausschließlichen Umgänge mit mir, dem alternden Manne kein Genüge findet. Ich bitte Dich, nimm Dich seiner an und suche ihn ein wenig m zerstreuen. Du verstehst es ja, wie kein Anderer, oas Leben zu genießen und ihm erfreuliche Seiten abzugewinnen." Das Herz des Prätors jubelte auf vor Freude. Durch des Kaisers eignen Auftrag wurde H)m die Handhabe geboten, den ihm im Weg stehenden Günstling unschädlich zu machen. Hadrian ließ Antinous herbeirufen, und sprach zu ihm: „Mein geliebter Antinous, ich werde während meines Aufenthalts in Alexandria durch die Staatsgeschäfte sehr in Anspruch genommen sein; mein Verwandter, der Prätor Lucius Aurelius Verus, wird die Güte haben, Dir diese schöne große Stadt zu zeigen, ihre Paläste und Tempel und ihre Vergnügungsorte. Benutze die Zeit und sorge für Deine Erheiterung, damit der Zug von Schwermuth und Trauer, der sich auf Dein Götterantlitz gelagert hat, verschwinde." Der Kaiser entfernte sich. Verus und Antinous waren allein. „Mein Antinous," süßte der Prätor, „ich zählte Dich bisher nicht zn meinen besondern Freunden, aber wir theilen doch eine große Empfindung: Wir lieben beide den Kaiser." „„Ich liebe ihn sicher,"" entgegnete der Günstling. j „Nun wohl," antwortete Verus, „so muß es j Dir wie mir am Herzen liegen, dem Kaiser die! Ruhe und Heiterkeit zu erhalten, die ihn befähigen, die schweren Sorgen der Negierung zu tragen. Der Kaiser liebt Dich gar sehr, und Du mußt ihm ein freundliches Antlitz entgegentragen. Das kannst Du aber nur, wenn Du Dir selbst im frohen Genüsse den Frohsinn des Herzens verschaffst. Ich bin ein Schüler des Epikur, der uns lehrt, den frohen Augenblick froh zu genießen. Folge mir; ich will Dich lehren, heiter zu sein im Kreise heiterer Freunde und; Freundinnen."! Und Antinous folgte. Er leerte unter Verus \ Leitung den Becher der Freude bis auf die Hefe;! er suchte und fand Genüsse allerlei Art; aber jedem j Genüsse folgte die Ernüchterung, die stets nach neuen I Reizmitteln begehrt. Ueberdruß und Ekel erfaßten des Jünglings Herz. Er besaß Alles, was ein Mensch nur begehren konnte; seine Wünsche wurden befriedigt, sobald sie nur ausgesprochen waren. Und doch gab es Eines, was er im Innersten seiner Seele verabscheute, und wovon es keine Befreiung gab: das widernatürliche Laster, zu welchem ihn der Kaiser mißbrauchte. Hadrians scharfem Blicke entgingen die Gefühle seines Günstlings nicht; er suchte ihn in anderer Weise aufzustacheln und an sich zu fesseln. Einst fragte er ihn: „Bist Du ehrgeizig, mein Geliebter?" „„Nein, Herr,"" antwortete Antinous. „Von wem hört sich wohl Jeder besonders gern Vater rufen?" „ ,Von Einem, den er recht lieb hat."" „Ganz recht und besonders, wenn dieser Eine mit der festesten Treue an ihm hängt. Ich bin ein Mensch, wie die andern, und Du, mein Liebling, stehst nun einmal meinem Herzen am nächsten, und ich werde den Tag segnen, an dem ich Dir vor aller Welt gestatten darf, mich „Vater" zu nennen. Unterbrich mich nicht. Wenn Du Deinen Willen kräftig zusammennimmst, wachen Sinnes, wie auf der Jagd, in das Treiben der Menschen, die Dich umgeben, hineinschaust, wenn Du Deinen Geist zu schärfen versuchst und auffassest, was ich Dich lehre, so kann es geschehen, daß einst Antinous den kaiserlichen Purpur tragen wird an meiner Stelle." Der Günstling war von diesen Worten des Kaisers ganz betäubt. Sein Herz schlug nicht höher bei der glänzenden Aussicht, die ihm geboten wurde. Er begnügte sich zu sagen: „„Mögen die Götter Dir langes Leben bescheiden, o Cäsar, nnd möge die Parze erst dann Dir den Faden zerschneiden, wenn die Urne schon längst die Asche des Antinous in sich ausgenommen."" „Ich bin ein Mensch, wie die andern," antwortete der Kaiser, „und es ist der Lauf der Natur, daß der Aeltere dem Jüngeren im Tode vorangeht. Noch in meiner Sterbestunde würde mich das Bewußtsein beglücken, daß Derjenige, welchen ich am meisten liebe, der Erbe meiner Macht, meiner Ehreu und meiner Reichthümer sein wird." (Fortsetzung folgt.) Hierzu vier Beilagen. Verantwortliche Redaktion: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des .Israelit* große Bleiche 45. Z. GottSleben'S Bickdruckcrei (Mainzer Anzeigers.

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