Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1881)
- Date
- 1881-09-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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955 Grade ausschweifend und vergeudete seine Jugendkraft derart, daß man ihm schon damals eine kurze Lebensdauer in Aussicht stellte. Der Kaiserin wurde der Präfekt von Aegypten, Titianus, gemeldet. Titianus ergriff, als er vor der Kaiserin erschien, sich tief verneigend, Sabines mit Ringen überladene Rechte, die sie ihm jedoch nach leiser Berührung wieder entzog. „Was gibt es?" fragte sie. „„Ein reitender Bote/" antwortete der Präfect, „„überbrachte mir heute einen Brief, in dem der Kaiser erklärt, in dem alten Palast auf der Lochias, nicht hier in: Cäsareum, absteigen zu wollen."" Bei diesen Worten runzelte sich die Stirn Sabines; ihr Blick senkte sich finster und starr in ihren Schooß, und ihre Unterlippe zwischen die Zähne ziehend, zischte sie: „Weil ich hier wohne!" Die Lochias war ein Königspalast, welchen einer der ptolemäischen Könige auf der Landzunge gleichen Namens hatte erbauen lassen; sie lag hart am Ufer des Meeres und bot einen weiten Ausblick in die Ferne. „Ich bitte Dich," fuhr Sabina zu reden fort, „rufe mir Berus, den Prätor Lucius Murelius Berus, herbei." Der Präfect entfernte sich und richtete seinen Auftrag aus. Alsbald erschien Berus vor der Kaiserin. Diese hatte sich von ihrer griechischen Sclavin einen Becher Wasser mit Fruchtsast vermischt reichen lassen und davon getrunken. Berus nahte sich der Matrone und nahm ihr so liebevoll dienstbeflissen, wie ein aufmerksamer Sohn seiner verehrten leidenden Mutter, den geleerten Pokal aus der Hand, um ihn der Griechin zu reichen. Die Kaiserin winkte dem Prätor mehrmals, als Zeichen ihres Dankes wohlgefällig zu, und befahl dann der Sclavin, sich zu entfernen. „Mein Lucius," sagte Sabina, „ich habe wichtige Dinge mit Dir zu besprechen. Das verächtliche Spielzeug, welches Hadrian sich in Bithynien aufgelesen hat, entfremdet ihn immer mehr meinem Herzen. Er will nicht im Cäsareum wohnen, weil ich hier wohne und wühlt sich die alte verfallene Lochias zum Aufenthalte — Du weißt, mein Lucius, wie sehr ich Dich liebe und welche große Pläne ich für Dich hege. Du bist der einzige Mensch, der es gut mit mir meint." Der Prätor ergriff ihre Hand und führte sie ehrfurchtsvoll an seine Lippen. „„Du bist mir eine zweite Mutter,"" sprach er, „„die siegreiche Venus bezwingt alle Herzen; das meine gehört ihr von meiner frühesten Kindheit an."" Sabina hatte sich als Vemm victrix in Marmor darstellen lassen. Als man eine Nachbildung dieser Statue in Alexandria aufgestellt hatte, wurde von einer bösen Zunge das häufig unter den Bürgern der Stadt wiederholte Wort ausgesprochen: „Siegreich ist diese Aphrodite*) gewiß, denn wer sie sieht, macht schnell, daß er fortkömmt." So urtheilten die Alexandriner mit Recht; Sabina aber liebte es, als siegreiche Venus bezeichnet zu werden und daher lächelte sie wohlgefällig zu der Anspielung des Berus. „Mein Sohn," sagte sie, „unfern Plänen drohen große Gefahren; ich fürchte, Hadrian wird diesen Antinous zu seinem Sohne und Nachfolger bestimmen." „„Unmöglich!"" rief Berus. „Was ist einem römischen Imperator unmöglich?" „„Er kann dem Senate und dem Volke nicht so in's Gesicht schlagen, daß er dieses Spielzeug seiner Laune so hoch erheben dürste."" „Hadrian kann Alles, was er will. Deßhalb höre mich, mein Lucius: wir müssen diescn Bithynier aus dem Wege schaffen." Verus erblaßte. „„Und denkst Du nicht, Sabina,"" sagte er, „,,ar des Kaisers Zorn, der Alle zermalmen würde, auf die sein Verdacht fiele?"" „Wir müssen es klug anfaffcu. derart, daß wir der Sache ferne stehen. Du bist eia geistvoller Mensch, mein Lucius. Ersinne Dir etwas, was zum Ziele führt. Jetzt lasse mich; das viele Sprechen strengt mich an. Schicke die Sclavin Leukippe wieder herein." Verus entfernte sich sinnend. Was ihm Sabina gesagt hatte, erschien ihm sehr einleuchtend; nun galt es, einen geeigneten Plan zu finden, den Günstling des Kaisers unschädlich zu machen. Nicht durste irgendwie Gewalt angewendet werden, nicht durften Mörder gedungen werden, um den Bithynier aus deni Wege zu schaffen. Er ging für's Erste davon ab, einen bestimmten Plan zn fassen, beschloß aber, den näheren Umgang des schönen Antinous zu suchen, und dessen schwache Seite zu erkunden. Wenige Tage nachher kam Hadrian mit seinen Begleitern in Alexandria an und nahm seinen Wohnsitz auf der Lochias. Berns beeilte sich, den Kaiser zu begrüßen. Dieser empfing seinen Verwandten auf das Freundlichste. „Du kömmst mir gerade recht, mein Lucius," sagte er; „ich habe einen Auftrag für Dich. Anti- *) Der griechische Name für „Venus/