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Der Israelit · 1881-09-07 · Heft 36 (7.9.1881) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 36 (7.9.1881)
Date
1881-09-07
Page
– (sequence 18)
Language
German
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haben, „indem ich nur die Noth und das Elend und deren Abhilfe, nicht aber das Religionsbekenntniß dabei in Frage gezogen habe und dies um so weniger, als ja schon bei der Geburt und ohne eigene Willensäußerung jeder auf ein Religionsbekenntniß verwiesen wird, während seine späteren eigenen Anschauungen sich nicht immer in Uebereinstimmung damit befinden," führt dann das Testament des Stifters noch Folgendes aus: „Wenngleich nun die Eigenschaften zur Qualification für die Stiftung wohl bereits genügend angedeutet sind, so will ich doch nicht unterlassen, zur Vermeidung von Mißverständnissen noch nachträglich darauf hinzuweisen, daß das Unglück in Folge menschlicher Schwäche stets mit Nachsicht und Mitgefühl beurtheilt werden, und daß nicht eine leidende, schwache und kränkliche Bewerberin Zurückweisung deswegen erfahren soll, weil sie, welche verlassen und ohne Führer durch's Leben gegangen, und welcher das Leben so wenig Schätzenswertes geboten, in schwacher Stunde sich zu einem sogenannten Fehltritt hat Hinreißen lassen, welchen sie aber sicherlich unter den unsäglichen Leiden bereits abgebüßt hat, vielmehr soll man ihr, wenn sonst nur ihre Gesinnung und ihr Verhalten im Allgemeinen stets gut und redlich gewesen sind, für die oft so lieblose und harte Behandlung, welche sie von unmenschlichen Menschen vielleicht hat erdulden müssen, um so eher einen Platz einräumen; denn sie wird es gerade sein, welche am innigsten von Dank erfüllt, auch am Meisten den Werth der Gabe zu würdigen wissen wird." Weiter enthält das Testament noch Bestimmungen darüber, daß alle aus der Stiftung Bedachten alljährlich am Grabe des Vetters des Stifters am 27. September, als dem Sterbetage desselben, ein genau formulirtes Gebet zu verrichten haben. Die Stiftung ist jetzt der Bestätigung des Kaisers unterbreitet und wird, wenn dieselbe bis dahin erfolgt, voraussichtlich am 1. October d. I. ins Leben treten. Berlin. Der Bierredner oer Antisemiten, Herr Di-. Henrici, äußert sich in seinem eigenen Blättchen über die studentische Spritzfahrt auf den Kyffhäuser in folgender amüsanter Weise: „Deutsche Frauen!" so klang es begeistert aus Hunderten von Kehlen am frühen Morgen; aber als während des Marsches zum Barbarossaberge eine Schaar züchtiger Roßlaer Mädchen bei den: Zuge vorbei wollte, da sangen zahlreiche Kehlen ein unzüchtiges Lied, um die jungen Mädchen erröthen zu machen; ja noch mehr, dieses unzüchtige Lied war entstellt aus einem unserer waldesduftigen deutschen Volkslieder: „Es gibt so manche Ltratze, die nimmer ich marschirt, „Es gibt so manches Mädchen — — —" „Pfui über Euch, die Ihr in weihevoller Stim- I mung dem alten Barbarossa nahen solltet! Pfui über diese Persiflage eines deutschen Studenten! ... Das Programm des Kyffhäuserfestes besagte zuerst auch — irren wir nicht, auf Anregung eines Geistlichen, der einen Artikel in einem orthodoxen Blatte geschrieben hatte — daß am Morgen nach dem Hauptfeste gemeinsamer Kirchgang stattfinden sollte. Diesen Punkt strich man aus dem offiziellen Programm, aber er hatte leider Wurzel geschlagen. Wir wiederholen leider: Man denke sich nur die Reihenfolge: Sonnabend Abend Kommers, Sonntag früh Gottesdienst, Sonntag Abend auf der Rothenburg Tanz, oder wie die Studenten es nennen „Klimmbimm". Unsere Befürchtungen sind eingetroffen. Am Sonntag Früh zogen Trupps in die Kirche, deren bleiche Gesichter auf eine halbdurchzechte Nacht schließen ließen. Fragte man: „Wohin geht Ihr?" so wurde in der Regel die Antwort gelallt: „In die Kirche!" Mancher hatte auch schon den Frühschoppen getrunken, j Es war ein nicht angenehmer Gedanke." Das schreibt,! wie gesagt, das Blatt des Herrn Henrici selbst, und! wir brauchen dazu keinen Commentar zu geben. Das! ist, von einem der Ihren geschildert, der Idealismus, > der die deutschen Studenten auf dem Kyffhäuser be-! seelte, wobei man immer im Auge behalten muß, j daß es Dr. Henrici ist, der dieses schreibt. Nun j halte man, um zu sehen, welche Summe an Heuche-! lei bei alledem mit im Spiele ist, damit die Aeußerung! zusammen, die ein Quedlinburgcr Blatt, das „Quedj linburger Kreisblatt," das mehrfach als Quelle über j jene Feste citirt wurde, veröffentlicht. Da hieß es! von dem bewußten Kirchgang: „Dreihundert Jüngj linge waren in der Kirche zu Roßla am Sonntag ' Morgen an die Stufen des Altars getreten und! hatten mit Thränen in den Augen ein altes Kampfi lied Dr. Martin Luther's: „Ein' feste Burg ist un-! ser Gott" gesungen . . ." Jetzt lese man dazu, was > Herr Henrici, einer der Festtheilnehmer und einer j der Propagatoren des Festes, über diesen Kirch- [ gang schreibt!! Berlin, 18. Aug. Unsere neuliche Mittheilung, ' daß der Kaiser und insbesondere der Kronprinz ihr; großes Mißfallen über die Judenkrawalle ausge-! sprachen und einen Bericht eingefordert haben, findet j jetzt Bestätigung. Man will wissen, daß auch in j der vorgesterigen Unterredung des Kaisers mit dem! Reichskanzler diese Frage zur Besprechung gekommen ist. Wie der Reichskanzler jetzt zu dieser Frage! steht, läßt sich schwer beurtheilen; tatsächlich hat er i auf jedes Telegramm, der antisemitischen Studenten-! vereine seinen Dank ausgesprochen und neulich nocb! hat man Herrn Stöcker persönlich auf den Kopf zuj gesagt, daß er seine Agitationen unter Connivenz der j Regierung betreibe. (Fr. Z.)

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