Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1881)
- Date
- 1881-09-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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906 Herr nicht, daß es ohne Judenthum niemals ein Christenthum hätte geben können? Liegt es denn im Bereiche der Möglichkeit, daß der ursprüngliche Stamm zur Schlingpflanze werde? — Herr Plath behauptete ferner, dem deutschen Reichskanzleramte sei eine Petition zugegangen, man möge doch dem großen Versöhnungstage der Juden staatliche Beachtung gewähren, welche Behauptung allgemeine Heiterkeit hervorrief. Schon mehrfach ist diese Behauptung aufgestellt und derart aufgefaßt worden, wie wenn die Juden verlangt hätten, das deutsche Volk solle den Versöhnungstag mit ihnen feiern. Die Sache verhält sich jedoch ganz anders. Die bekannte Petition des deutsch-israelitischen Gemeindebundes ging lediglich dahin, daß jüdische Soldaten, Beamte rc. am Versöhnungstage vom Dienste befreit werden, daß jüdische Bürger nicht gezwungen seien, am Versöhnungstage vor Gericht zu erscheinen oder als Geschwornen M fungiren rc. — Ob wohl die ehrwürdigen Herren Pastoren gelacht hätten, wenn ihnen der Sachverhalt richtig dargestellt wäre? Herr v. Hammerstein declamirte gegen den Handel, Schacher und Wucher der Juden. — Gegen den Wucher reden und schreiben wir bei jeder Gelegenheit. Daß es einzelne Juden gibt, welche wucherische Geschäfte machen, bedauern wir mehr als Herr v. Hammerftein. Die Juden sind in früheren Jahrhunderten von den Christen dazu gebracht worden, indem man ihnen jeden andern Erwerbszweig verschloß, und ihnen trotzdem eine fast unerschwingliche Steuerlast auflegte. Seitdem cs den Juden gestattet ist, jedes Gewerbe zu betreiben, hat sich die Zahl der jüdischen Wucherer ganz außerordentlich vermindert. Sie wird immer mehr verschwinden, wenn man die Emancipation nicht antastet. Was aber der Handel betrifft, so ist derselbe für jedes Volk unentbehrlich. Er ist es, welche den Produkten der Arbeit erst Werth verleiht. Was würden z. B. die armen Weinbauern am Rhein anfangen, wenn die jüdischen Weinhändler, oft mit Gefahr der Gesundheit und des Lebens, die Producte des rheinischen Weinbaues in England, Rußland, Scandinavien re. keinen Absatz zu verschaffen wüßten? Der Rheinwein würde sofort um mehr als die Hälfte billiger werden, und die armen Weinbauern, die durch viele Mißjahre verarmt sind, würden sich in dem diesjährigen, guten Wcinjahre nicht erholen können. Aehnlich verhält es sich mit allen andern Producten des Bodens und des Gewerbefleißes. Die Juden sind es namentlich, denen die deutsche Industrie ihren Aufschwung verdankt. Noch vor fünfzig Jahren wurde Deutschland mit englischen Manufacturwaaren überschwemmt, bis es jüdischen Fabrikanten gelang, diese Maare ebenso gut und billig herzustellen und den bis dahin unübertroffenen Engländern Concurrenz zu machen. Wir erinnern nur daran, daß der alte Liebermann sich dem Könige Friedrich Wilhelm HI. mit den Worten vorstellte: „Ich bin der Liebermann, was hat vertrieben die Engländer vun die Continente." — Daß der würdige Mann in seiner Jugend eine so geringe Schulbildung genossen hatte, daß er nicht richtig deutsch sprechen konnte, gereicht nicht ihm zum Vorwurf, sondern jenen, welche damals die Juden von der allgemeinen Bildung abgeschlossen haben. Es ist nicht wahr, daß, wie die Herren von der Augustconferenz behaupten, die Emancipation der Juden sich als unbrauchbar erwiesen habe und zurückgenommen werden müsse; die Emancipation der Juden ist dem deutschen Volke zum Segen geworden und wird sich unter göttlichem Beistände immer als segensreich bewähren. Köln, 25. Aug. Der „Allg. Anzeiger" von! gestern berichtet wie folgt: „In ein Bierhaus auf dem Neumarkt tritt ein isr. Herr ein und setzt sich ahnungslos an einen sogenannten Stammtisch. Das gefällt einigen andern Herren, darunter einem Heißsporn von Antisemit und Kölner Bürger, nicht, und man setzt den Juden ohne viel Federlesens an die Luft. Das wäre nun ohne weitere schlimme Folgen gewesen; allein als der Antisemit ob seines ungerechtfertigten Handelns von einem zufällig anwesenden Photographen in der ruhigsten Weise zur Rede gestellt worden, soll er ohne weiteres einen Stockdegen gezogen und dem Photographen mehrere nicht unerhebliche Stiche versetzt haben. Es wird nun weiter erzählt, der Fall sei der Staatsanwaltschaft angczeigt. Die Träger von Stockdegen kommen unserer Ansicht nach direct hinter den Messerhelden." - Wie wir hören, hat der Israelit nicht an dem! Stammtisch Platz genommen, ist aber wahrscheinlich in ein hitziges Wortgefecht verwickelt worden, worauf * man ihm am Kragen nahm und vor die Thüre brachte. Ein anderer Israelit, dem vorher ein ähn- : liches Schicksal in Aussicht stand, entfernte sich freiwillig. Als der Israelit entfernt worden war, be- - merkte ein Photograph den „Herren aus den höhern;j Ständen," daß sie zu einem solchen Exceß sich nicht H hätten Hinreißen lassen sollen. Jetzt wandte sich die; Opposition gegen diesen, und nach wenigen Worten - ging man zu Thätigkeiten über, wobei ein Reserve- * Offizier in Civil, der sich in seiner militärischen l Ehre verletzt fühlte, mit einem Stockdegen dem Photographen einen Hieb über die Nase und zwei Stiche versetzte. Der Verwundete liegt bedenklich danieder, indem ihm laut dem Visum repertum des behandelnden Arztes die Leber und die Lunge verletzt sind. Die Untersuchung ist eingeleitet. Heute Morgen