Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1881)
- Date
- 1881-09-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXII. Jahrgang. Erste Beilage zu Ar. 36 -es Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. MergentHeim, 29. Aug. Je seltener man im „Jsraeut" einer Korrespondenz von hier, wo es keine Parteikämpfe und keine Reformbestrebungen gibt, begegnet, desto befremdlicher war die in der letzten Nummer enthaltene und bedarf sie wegen des leichtfertigen Räsonnements einiger Richtigstellung. Wenn der Einsender wirklich ein Geschäftsreisender ist, wäre ihm das 'oi soj/u ayoo ’in zu empfehlen, damit er in rabbinicis und in seinem Urtheile sicherer und vorsichtiger werde. Wäre dies der Fall, hätte er nicht die „württembergischen Rabbinen" als eine besondere Species hingestellt, während unter denselben wie allwärts verschiedene Richtungen vertreten sind und nicht einmal der geographische Begriff sein Urtheil deckt, da nur ein Drittel derselben eingeborene Württemberger sind, die übrigen aber aus mehreren Herren Länder stammen und somit ihre specifischen landsmännischen Eigentümlichkeiten haben. Ebenso oberflächlich knüpft er an einen Vorgang, den er erfahren haben will, ein unpassendes Moralisten. Denn, daß einem Gefangenen hier sechs Tage lang von der Gemeinde Koscherkost verabreicht wurde, beweist ja, daß man seine Obliegenheit kennt und thut. Wenn aber für die übrige Zeit ein Privatmann eintrat, so muß zur Erklärung schon etwas weiter ausgeholt werden. Weil Mergentheim dem Bezirksverein in Heilbronn für durchreisende Armen sich nicht angeschlossen hat, wird es ungemein stark von solchen heimgesucht. Während nun früher auch an Wochentagen Kostbillets verabreicht wurden, sah das Kirchen-Vorsteheramt sich im vorigen Jahre zu dem Beschlüsse veranlaßt, dies nur in Ausnahmefällen zu thun, um den enormen Aufwand für jenen.Zweck zu Gunsten der Steuerzahler in etwas zu mäßigen, zumal die Gemeindekasse von der Opferwilligkeit der mit -;n-” n-vn Geschmückten nichts weiß. Daher konnte der betreffende Kirchen-Vorsteher nur für einige Tage Anweisung zur Kost geben; für länger hätte es einer Sitzung des Collegiums bedurft und da eine solche gerade unthunlich war, so wurde Allarm geschlagen, als ob man den Gefangenen, der übrigens mit Geld versehen war, essen lassen wollte, und eifrigst erbot sich Jemand, der eben Maaßer von der Verheirathung seiner Tochter zur Verfügung hatte, zur Bezahlung des weiteren Bedarfs, der übrigens, da der Arrestant bald entlassen wurde, kaum nennenswerth war und jedenfalls aus der Gemeindepflege noch bestritten worden wäre. Da hätte es fürwahr keines Hinweises auf die gegenseitige Solidarität bedurft und muß diese, wo sie nur für Gesetzesübertreter in Anspruch genommen wird, abgewiesen werden, wie die Gemeinde hier jede Verantwortlichkeit für die eben wieder im Amtsgerichtsgefängnisse sitzenden auswärtigen drei Israeliten, von denen zwei, Vater und Sohn, einer schweren Körperverletzung sich schuldig machten, von sich weisen muß. Was Religion und Anstand erfordern, weiß man hier ohne die salbungsvolle Belehrung des anuonymen Einsenders und seine Wahrnehmung, daß hier an: Schlußgebete kaum oder gar kein Minjan mehr sich vorsinde, beruht durchaus auf Unwahrheit. Denn fleißigerer Synagogenbesuch als in Mergentheim findet wohl nirgends statt, was die Badegäste sehr angenehm berührt. Und nicht nur beim Tefilla-Kaddisch, sondern auch bei dem nach Mismor und den: Lernen ist mehr als die erforderliche Zahl noch anwesend, ja sogar meistens noch nach den alltäglich üblichen Recitionen von fünf Psalmen an: Schluffe des Morgengottesdienstes. Man muß also dem müßigen Schreiber auf seiner nächsten Reise in Württemberg befferere Geschäfte wünschen, damit er nicht in Versuchung kömmt, sich über das -pOpv ^>0-1 hinwegzusetzen. Berlin, 25. Aug. Hier tagt gegenwärtig die Conferenz der Lutheraner, die sogenannte Auguft- Eonferenz, zum größten Theile aus lutherischen Pastoren bestehend. Dieselbe hat es natürlich nickt unterlassen, in Bezug auf die Juden ihr Votum abzugebcn. Eine von Herrn v. Kleist-Retzow eingcbrachte Resolution geht dahin, die Juden seien von der Lehrtätigkeit an Schulen und Universitäten, sowie von allen obrigkeitlichen Aemtern auszuschließen. — Diese Resolution wurde einstimmig angenommen. Die Herren Missions-Jnspector Plath und der Abgeordnete Freiherr v. Hammer sie in ergingen sich in den bekannten Phrasen gegen die Juden. Herr Plath verstieg sich zu der ungeheuerlichen Behauptung, das Judenthum sei die Schlingpflanze am Baume des Christenthums. — Weiß denn der