Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1881-09-07 · Heft 36 (7.9.1881) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 36 (7.9.1881)
Date
1881-09-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447850-2447884--17976-2474001
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

903 Und sie kamen. Der Kaiser ließ ihnen große Summen auszahlen. Dann befahl er ihnen, Abschied zu nehmen von ihrem Sohne und Bruder und jedes Anrecht an ihn aufzugeben. Und die Diener des Kaisers kamen herbei und führten den schönen Jüngling in's Bad und salbten ihn mit wohlriechender Salbe. Dann bekleideten sie ihn mit köstlichen Gewändern und führten ihn dem Kaiser zu. Am andern Tage trat Aquila vor den Kaiser, finstern Blickes und trauerfüllten Antlitzes. „Ha," rief ihm Hadrian entgegen, „Du kömmst, um mir Vorwürfe zu machen, um mir zu sagen, daß nach den Vorschriften des Judenthums meine Liebe zu dem Götterbilde, zu dem herrlichen Antinous, in welchem die Götter die Schönheit verkörpert haben, sündhaft sei. Was kümmert mich Euer Judenthum! Ich lache desselben. Ich selbst bin ein Gott, und götüiche Wonne durchströmt mich in der Liebe zu dem Jüngling, den die Götter eigens für mich gebildet haben. Gehe, und sage auch dem Alten, daß er gehe und nicht wieder vor mir erscheine." Gesenkten Hauptes ging Aquila davon; Trauer im Herzen, kehrten er und Rabbi Josua nach Judäa zurück. Von nun an wurde Hadrian ein Feind der Juden und des Judenthums, wie die Weltgeschichte keinen schlimmeren kennt. Er ernannte den Tinius*) Rufus zum Stadthalter von Judäa; er gab Befehl, den heiligen Tempelberg umzupflügen und auf ihm einen Götzentempel, einen Tempel des Jupiter Capitolinus, zu erbauen. Selbst der Name Jerusalem sollte verschwinden und die in Trümmer liegendeStadt mußte von nun an, nach des Kaisers Geschlechtsnamen, Aelia Capitolina, heißen. Es war am neunten Tage des Monats Ab, als Tinius Rufus den Befehl des Kaisers ausführte. Verzweiflung erfaßte das ganze jüdische Volk. Von der höchsten Höhe seliger Erwartung waren sie in die tiefste Tiefe des Kummers und des Elends gestürzt. Die Verzweiflung war so groß, daß Viele daran dachten, sich selbst den Tod zu geben. Da erschien ihnen Rabbi Josua als ein Engel des Trostes. Ein Gleichniß war es, durch das er das versammelte Volk tröstete**). „Der Löwe, der König der Thiere," sprach er, „hatte einst einen Knochen verschlungen, der ihm im Halse war stecken geblieben. Da kam der Kranich herbei, steckte seinen Kopf in den Rachen des Löwen *) Die jüdischen Quellen nennen ihn stets Turnus Rufus, während er nach den römischen und griechischen Tinius oder Tinnius hieß. •*) Midrasch Bereschith Rabbah. C. 64. und holte mit seinem langen Schnabel den Knochen hervor. Der Löwe war der Gefahr des Erstickens entgangen, und der Kranich forderte seine Belohnnug. Da sprach der König der Thiere zu ihm: Du hast ungefährdet Deinen Kopf in den Rachen des Löwen gesteckt und ihn unversehrt wieder herausbekommen und verlangst noch eine Belohnung? Ist es Dir nicht genug, daß Du wohlbehalten dem Rachen des Löwen und seinen scharfen Zähnen entgangen bist? — Auch wir, meine Brüder, haben unsre Köpfe in den Rachen des Löwen stecken müssen. Was wäre aus uns, was aus der Religion unsrer Väter geworden, wenn Hadrian sich zum Judenthum bekannt hätte? Er hätte nach seiner Willkür geändert und gemodelt, bis vom Judenthume nichts mehr übrig geblieben wäre. Danken wir Gott, unsrem ewigen Vater, unsrem allmächtigen Beschützer, daß wir unversehrt dem Rachen des Löwen entgangen sind." Auch gegen seinen Schwestersohn Aqulla wendete sich der Zorn des Kaisers. Er gab Befehl, ihn zu verhaften, und Soldaten wurden ausgesandt, die ihn ergreifen sollten*). Die Häscher des Tinius Rufus umstellten bei Nacht das Haus des Aquila in Uschah, rissen ihn aus dem Bette und schleppten ihn mit sich fort. Als er so mit den römischen Soldaten in stiller dunkler Nacht dahin wanderte, sprach er zu ihnen: „Seht, meine Freunde, es ist Sitte in der Welt, daß der Geringere dem Vornehmen die Fackel oder die Laterne voranträgt in dunkler Nacht. Der Legionär leuchtet dem magister equitum vor, dieser dem Imperator legionis, dieser dem Präfecten der Provinz, dieser dem Proconsul, und dieser rechnet es sich zur Ehre, vor dem Kaiser die Fackel zu tragen. Habt Ihr aber schon jemals gehört, daß der König seinem Volke die Fackel vorträgt und seinen Unterthanen in dunkler Nacht voranleuchtet auf dem Wege, den seine Heerscharen zu ziehen haben?" Die Legionäre standen still und lauschten erstaunt den Worten des Fragenden. „„Nein,"" sagte der Anführer derselben, „„Derartiges habe ich noch nie vernommen."" „So hört denn, meine Freunde," sprach Aquila, „einst wurde ein Volksstamm im Aegypterlande geknechtet und unterdrückt. Da befreite der allmächtige Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, diesen unterdrückten Volksstamm, indem er furchtbare Plagen über die Unterdrücker brachte. Die Unterdrückten aber zogen mit hocherhobener Hand aus dem Lande der Knechtschaft, der Freiheit entgegen. Und der Ewige, der einzige Gott, der Herr des Weltalls, zog vor ihnen her bei Tag mit einer *) Aboda Sarah f. Ha.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.