Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1881-09-07 · Heft 36 (7.9.1881) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 36 (7.9.1881)
Date
1881-09-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447850-2447884--17973-2473998
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

900 Rücksicht auf die Sympathie und Antipathie des Füsten Bismarck als geregelt betrachtet werden müssen. Der Reichskanzler Fürst Bismarck ist deßhalb nach unserer Meinung keine Antwort auf die in der jüdischen und fortschrittlichen Presse aufgeworfene Frage schuldig. Diese Frage ist nach einer — amtlichen — Richtung vollständig gelöst; nach der anderen liegt die Lösung nicht in seiner Hand". Berlin, 28. Aug. Als „Kundgebung aus dem Publikum" veröffentlich die „Volksztg." folgendes Schreiben: Schrimm, 25. August. Herr Hofprediger Stöcker! Durch Ihre Brandreden gegen die Juden habe auch ich mich verleiten lassen, Excesse gegen die jüdische Einwohner Schrimms, mit denen ich stets im besten Einvernehmen gelebt, zu begehen! Das Ende vom Liede war, daß ich ein Jahr drei Monate drei Tage ins Loch mußte und mein Amt, welches ich zwanzig Jahre inne hatte, verlor und meine kranke Frau während meiner Haft mit Roth und Elend kämpfen mußte! Obschon Sie mich brieflich vorher mit den Worten: „Muthig vorwärts! Wir kämpfen für eine gute Sache!" angefeuert — beantworten Sie meinen Hilferuf aus dem Gefängnisse mit den salbungsvollen Worten: „Verlassen Sie sich auf Gott!" Dazu gebrauche ich Sie nicht, das habe ich stets, auch ohne Ihren Rath gethan! So wird es auch den Argenauern, Neustettinern, Schievelbeinern, welche unter Hochrufen auf „Stöcker und Eonsorten" die abscheulichen Excesse gegen die Juden unternehmen ergehen! Diese von Ihnen aufgewiegelten „Dummen" müssen wegen Landsfriedensbruch 2c. ins Gefängniß und Frauen und Kinder können betteln gehen! Sie werden sich um diese armen Opfer nicht kümmern, sich ins Fäustchen lachen und sagen: „Der Zweck heiligt die Mittel!" — Denn was Ihr unsinniges Treiben bezweckt, das durchschauen wir Liberale längst! Sie wissen ganz gut, daß wir gerade die Hauptstütze unter den intelligenten Juden für unseren Liberalismus haben! Mit Rücksicht darauf, daß Sie mich und meine Frau, die hinter Schloß und Riegel noch schlachtenden Argenauer, Neustettiner, Schievelbeiner zc. nebst Familien unglücklich gemacht haben und stoch mehr Unheil anstiften könnten, fordere ich Sie als deutscher Bürger auf: „Stellen Sie Ihr gemeingefährliches Treiben ein!" Wir leben in einem Berfassungsstaate, und so lange uns die schwer errungene Verfassung heilig ist und das Gesetz vom 3. Juli 1869 gilt, haben Christen und Juden in Deutschland gleiche Rechte und Sie würden, wenn ich Staats-Anwalt wäre, schon längst auf Grund des ß 49a des Reichsstrafgesetzbuchs Gelegenheit haben, hinter Schloß und Riegel über Ihr Treiben nachzudenken! Die Judenhetzen in Rußland schreiben Sie nur auch auf Ihr Conto! Ihr Ziel — den Liberalismus und die Errungenschaften des Jahres 1848 — durch Reaction zu vernichten — sollen Sie bei der nächsten Wahl nicht erreichen! — Wir „Liberale" machen in Politik keinen confessionellen Unterschied, wir wählen Männer, denen die Freiheit des Volkes am Herzen liegt, ob sie Christen oder Juden sind! Ich für meine Person gebe bei der nächsten Wahl meine Stimme dem Herrn Rechts-Anwalt Dr. Lasker! Hillner, K. Kreisgerichts-Bureau-Assistent a. D. und Volksanwalt in Schrimm.*) Berlin, 30. Aug. Abg. Klotz hielt gestern im 6. Reichstagswahlbezirk seine Candidatenrede. Ueber die Judenfrage sagte er: „Wir rechnen es uns zur Ehre an, daß wir uns an die Spitze dieser Bewegung gegen die Antisemiten gestellt haben durch Einberufung der großen Wähleroersammlung. Wir wollen die Schmach von Berlin abwenden, daß es nicht aussehen könnte, der politisch gebildete Theil der Bevölkerung habe Antheil an dieser schmachvollen Bewegung. (Lebhaftes Bravo ) Die Röthe der Scham wird uns in das Gesicht getrieben, wenn wir daran denken, wie das Ausland uns beurtheilen wird. (Lebhafter Applaus.) Nichts ist schimpflicher, als wenn in einem Staate, wo Jeder das Recht bat, zu treiben und zu glauben was er will, wie es in der Verfassung steht, eine ganze Gruppe der Bevölkerung um ihres Glaubens willen verfolgt wird. (Stürmisches Bravo.) Neuenburg (Westpreußen), 30. August. Während in hiesiger Stadt der jüdischen Bevölkerung gegenüber, abgesehen von einzelnen Rohheiten, welche von vorwitzigen Burschen verübt werden, keinerlei feindliche Störung herrscht, dringen, laut Meldung der „Danz. Ztg.", aus einigen nahe gelegenen Ortschaften Berichte von Ausschreitungen gegen jüdische Einwohner hierher. So wurden den in L. wohnenden Gastwirtben und Händlern K. und M. unter Drohungen und Schimpfreden die Läden demolirt, dem Kaufmann R. zu Kl.-K. ein Plakat mit Droh- *) Zur Erläuterung des vorstehenden Schreibens sei bemerkt, daß Hillner wegen schwerer Ercesse;u dem obenerwähnten Strafmaß vernrtheilt worden ist. Er hatte u. A. einen Amtsrichter jüdischer Eonfession im Gerichtsgebäude mit einem Terzerol bedroht. Die Red.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.