Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1881)
- Date
- 1881-08-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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883 dann naturgemäß die selbstsüchtigen Leidenschaften der Masse gegen die Juden entfesselt werden würden. Obgleich nun jetzt die betrübenden, das junge deutsche Reich tief erschütternden Folgen zu Tage treten, erkennt jener vor allen anderen verantwortlichste intellccruelle Urheber der Judenverfolgung noch immer nicht seine Schuld, sondern im Gegentheil in dem Wahn, mit einigen Redensarten die wider ihn erhobenen Anklagen vernichten zu können, setzt derselbe fein agitatorisches Treiben fort und die Berliner Geistlichkeit beharrt dieser das Christenthum lästerlich compromittirendeu Agitation gegenüber in unverantwortlichem Verstummen!" Berlin. Aus den östlichen Provinzen gelangen Rachrichten hierher, wonach Landräthe und Bürgermeister auch an solchen Orten, in welche die Judenk.ctze noch nicht gedrungen und noch keine Scaudalüeiteit stattgefuuden, Verfügungen erlassen, in welchen die Bevölkerung ermahnt wird, sich von derartigen Ausschreitungen fernzuhalten. Es scheint demnach, daß eine generelle Anordnung des Ministers des Innern in dieser Richtung hier vorliegt. (Siehe unter: Berlin, 26. August, im Hauptblatt.) Feuilleton. Geschichte der Zudm in Trier. ii. Die bereits erwähnte erste Notiz über die Juden zu Trier aus dem Jahre 1066 legt sofort die traurige Lage derselben in ihrer ganzen Trostlosigkeit dar. Erzbischof Eberhard zu Trier (regierte von 1-047 -1066) drohte in diesem Jahre alle Juden auszuweisen, wenn sie nicht bis zum Osterfeste die Taufe angenommen hätten. Ob die Juden, welche wie ausdrücklich erwähnt wird, damals in zahlreicher Menge in der Stadt wohnten, wirklich ausgewiesen wurden, ist nicht angegeben. Es scheint fast als ob dies nicht der Fall gewesen sei, da der Erzbischof am 12. Februar bei einer Processionsfeierlichkeit ermordet wurde, und zwar — wie der Chronist berichtet — auf eine zauberische Weise — auf Anstiften der Juden, welche sich an dem Erzbischof mit Zuhilfenahme eines Geistlichen, Namens Christian, hätten rächen wollen. Der Zauber, den die Juden dabei angewandt haben sollen, wird in allen Details geschildert. . Wer jedoch von der Zauberkraft der Juden nicht so fest überzeugt ist, als der Jesuit Brower, dessen Annalen wir diese Erzählung entnehmen'), wer ferner die Juden nicht für so wahnwitzig hält in ihrer schutzlosen Lage Gut und Blut durch Ermordung eines so hochgestellten Kirchenfürsten aufs Spiel zu setzen, auf den macht die ganze Schilderung den Eindruck, als ob die Mörder des Erzbischofs weniger in den: Kreise der Inden als in demjenigen des Priesters Christian zu suchen sei, den Brower selber den „falschen Christian" nannte. Die Zeit einen mißliebigen Oberen auf diese Weise aus der Welt zu schassen, hätte kaum besser gewählt werden können, um das Attentat den „rachesüchtigen" Juden aufbürden zu können. Aus diesem Vorgänge, der die Juden sogar für den von einem Priester begangenen Morde verantwortlich macht, sieht mau so recht die verzweiflungsvolte Lage derselben, die daun 30 Jahre später, zur Zeit des ersten.Kreuzzuges, zu einer überaus schmerzlichen Katastrophe führte. Zahllose aus England und Frankreich sich nach Deutschland wälzende Schaarcn, die von den christlichen Chronisten selber, als Auswurf der Menschheit bezeichnet werden, zogen durch fanatische Geistliche aufgcstachelt nach dem heiligen Lande, um das Grab des Stifters ihrer Religion aus den Händen der ungläubigen Mohamedaner znrückzuerobern. Die entmenschlichten Haufen glaubten ein gottgefälliges Werk zu thuu, wenn sie'über jüdische Gräber zum Grabe, eines Juden wunderten. Völligen Ablaß aller vergangenen und zukünftigen Sünden war ihnen verheißen' und unsterblicher Verdienst und Gnade ihnen zugesichert^), was hätte die beutegierigen Horden also zurückhalten sollen, durch Niedermetzlung der Juden schon im Occident den Kampf gegen die Ungläubigen zu eröffnen? Das herzzereißende Weh, welches dieser blutdürstige Troß über sämmtliche jüdische Gemeinden, die er durchzog, brachte, traf in Deutschland wohl zu allererst die Gemeinde zu Trier, als die der französischen Grenze, über welche der Schwarm sich ergoß, am nächsten gelegen. Unter Führung eines gewissen Emicho, drang die plündernde Rotte wahrscheinlich Ende Nissan (April) des Jahres 1096 bis nach Trier vor**). — „Sie hatten einen solchen Haß gegen den Stamm der Juden" schreibt der Jesuit Brower in seinen Trier'schen Annalen, „daß, wohin ihr Weg sie auch führte, sie Trauer und Thränen dem bejammernswerthen Volke brachten" 2i Hurter, Geschichte Palist Innocen; III. Bd. I. P. 224. 3') Das Datum ist nicht angegeben^ und läßt sich nur ans der Datumangabe der Meoeleien in ^peier, Worms, Main;, <5öln als kurz vor denselben vermuthen. In Lpeier wurde die indische Gemeinde von den Kreuzfahrern am 8. Ijar heimgesucht, in Worms am 23., in Main; am 3. Siwan, in Göln am Wochenseste; nach im >":rn w« oiwip. 1) Broweri annal. Trev. libr. XI. n. 144,