Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1881-08-31 · Heft 35 (31.8.1881) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 35 (31.8.1881)
Date
1881-08-31
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447850-2447883--17956-2473980
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

884 Als die bewaffnete Menge sich kn das Trier'sche Gebiet ergoß, fährt dieselbe fort, befiel die damals ' zahlreichen Juden der Stadt, aus Furcht vor ihrem! bevorstehenden Unglück ein solcher Schrecken, daß sie! in trauriger Verzweiflung selbst dasjenige Alter rächt j schonten/das sogar (!) die Christen geschont hätten.! Daher brachten die Eltern, da sie ihre Kinder lieber > dem Tode als der Taufe überantworten wollten, ihre eigenen Kinder t h ö ri ch t e r Weise ums Leben, um sic dem Gcspötte der Christen zu entziehen und sie so dem Schooße Abrahams zuznführen. Die Frauen aber stürzten sich, von dem Schmerze des Verlustes überwältigt, jeder Hoffnung bar, von der Brücke in die Mosel, um ihr qualvolles Leben nicht länger hinzuziehen. Ihre Aermel und Busen süllteil sie zuvor mit Steinen, um durch den Druck der Schwere ihren Tod zu beschleunigen. Der Nest der fast zu Grunde gerichteten Gemeinde zog mit seiner Habe und den Kindern in einem Mitleid erregenden Zuge, den die ganze Stadt mit Jammern und Klagen füllte, nach dem Palast des Erzbischofs. In demselben residirte damals Egelbert; diesem fiel die unglückliche Schaar zu Füßen und flehte ihn laut weinend um feinen Schutz an. Cgelbert nahm sie freundlich aut und gewährte ihnen Ausnahme in seinem PalostG). Der Erzbischof glaubte nun eine günstige Gelegenheit gefunden zn haben, die zu Tode gehetzten Unglücklichen, für den christlichen Glauben zn gewinnen. „Ihr Unglücklichen," redete er sie an, „seht Ihr nun, wie reichst h sich über Euren Häuptern die Verbrechen entladen, die Ihr täglich grausamer, ruchloser Weise bezahlt, indem Ihr chnit schändlichen Worten und Schmähredcn dell Sohll Gottes verletzt und mit allen Schmähungen und Beschimpfungen gegen die heilige Mutter losziehrff, und hartnäckig verneint, daß Ehr. in Fleisch (persönlich) gekommen ist? Wahrlich, indem die Strafe dieser Iluthat nun auf Euch füllt, stürzt Ihr in die äußerste Gefahr Eures Lebens und Heils. „Beabsichtigt Ihr nun in dieser Treulosigkeit hartnäckig und unentwegt fort zu beharren, so er- 4) ^te Wohnung des Erzbischofs galt in jener Zeit als Schutzstätte, in welker '.Niemand, selbst der schwerste Verbrecher nicht, angecastec werden durste. 5) Wenn diese verleumderischen Insinnarionen nicht nur erhoben , sondern auch den Inden in der Thal irgendwie hätten nachgewtesen werden können, so hätte der bekehrnngseifrige Erzbischof sicherlich nicht bis zur Ankunft der ^ireuzzügler gewartec, um sie den unglücklichen Juden vorzuhalten, sondern hätte sie gewiss schon früher deshalb zur Rechenschaft gezogen. — Das; Juden für ihre religiöse Neberzeugung leben und sterben können, ohne die religiöse Anschauung anderer Kreise deßhalb zu beschimpfen , hielten die Oberen der Kirche für so wenig möglich, daß sie stillschweigend voraus setzen zu dürfen glaubten , Juden beschimpften das Ehristenthum, weil sie es nicht annahmen. kläre ich für meine Person, Euer Leben nicht zu schonen, nach welchem Euerer Seelen dann noch das ewige Feuer und die schlimmsten Martern warten. „Ihr täuscht Euch ja selber und verschließt Euch gegen jede vernünftige Erwägung!- Nachdem Euere Vorfahren so viele Jahrhunderte vor Ehr. Geburt, dieselbe prophezeit haben, verlangt Ihr nach etwas, das sich bereits schon lange erfüllt hat, und durch die sichersten Erfolge vollständig erwiesen ist, schwankt Ihr in leeren Hoffnungen und eitlen Wünschen umher, als ob das Bestehende noch nicht vorhanden feiG). „Wohlan ich bitte Euch, welche Schlaffsucht behext Euer» Sinn und Eure Gemüther? — Welcher noch so sinttlose Glaube ist so alles Verstandes bar, als der Eurige? Vergegenwärtigt Euch^die Srakelsprüche Euerer Väter, durchforscht die Schriften der Propheten und prüft ihre Weissagungen! Ihr werdet dann sicherlich finden, wie Daniel, der göttliche Jüngling, die Ankunft des Messias, die Ihr in ferne Znfinift verlegt, als bereits nach Ablauf von 7x70 Jahren prophezeit hat. Euch geht ja das Verständnis; Euerer eigenen Wissenschaft ab. „Bedenket wohl, welche große Freude Ihr allen Guten und ganz besonders uns bereiten würdet, wenn Ihr einverstanden wäret, Euer Geschlecht dem unsrigen ciuzuverlcibeu und wenn sich dasselbe durch Bekenmniß einer und derselben Neligion mit uns sortpslanze. Denn, wahrhaftig, wenn Ihr aus meine Litten und Nathschläge dieses thnn werdet, wenn Ihr Euch zur hochheiligen Wahrheit des Evangeliums, zum leuchtenden christlichen Glauben Euch leiten und dann tauten lasset, so sollt Ihr den erbetenen Preis der Unverletzlichkeit und des Heils erhalten, in Euern ursprünglichen Besitz wieder eingesetzt und einen, ruhigen und sicheren Aufenthalt erlangen, ich werde Euch, Eure Frauen, Eure Kinder und Euer Vermögen unter meinen Schutz nehmen, Euch vor allen Unbilden der Feinde schützen und für Eure Unverletzlichkeit einstehen." Nachdem der Erzbischof diese Anrede an die geängstigten Unglücklichen beendet hatte, redete der Führer derselben, ein gewisser Micheas Micha), seinen Glaubensgenossen zu, durch Annahme der Taufe ihrem qualvollen Zustande ein Ende zu machen, und dieselben erklärten sich endlich dazu bereit. Die Taufe wurde sofort vollzogen, aber die Kirche sollte sich 6) Wahrlich, solche Zeiten und ein solches Verfahren waren wenig geeignet, die Juden zn überzeugen, das; sie in messianischen Zeiten lebten l Das; die „verstockten" Juden Angesichts der Kren; züge nicht glauben wollten, J>ie Zeit wäre da, in welcher fein Volk gegen das andere das Lchwert mehr erhebt, daß sie an die Erfüllung der messianijchen Prophezeiung, nach welcher der Wolf freundlich neben dem Lamm lagert, Angesichts solcher Vergewaltigung nicht glauben konnten, wird ihnen kein Vernünftiger verargen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.