Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1881)
- Date
- 1881-08-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447850-2447883--17946-2473970- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
874 -Leser Zwiespalt nur um so schärfer hervor. Israel wurde unter alle Nationen zerstreut und mußte sich dennoch isoliren; es mußte unter Heiden, Christen 1 und Mohamedanern, im kalten Norden, im heißen Süden und in den gemäßigten Klimaten, unter Romanen und Germanen, unter Slaven und Mongolen, j seine Eigenheit bewahren. Andere Völker, die in die! Verbannung zogen, durften sich mit den Bewohnern chres neuen Aufenthaltes vermischen und mit ihnen zu einem Volke werden. Israel mußte gesondert i bleiben in Speise und Trank, in Sabbat- und Feier-! tagen, in Ehe- und Rcinhcitsgesetzen.! Wir stehen hier vor einem Räthsel der göttlichen j Weltlenkung. Aber wir kennen die Lösung des Räthj sels. Versuchen wir, dieselbe hier darzulegen. : Als die ersten Menschengeschlechter in Sünde; und Götzendienst versanken, da gab es einen edlen, j frommen, gottesfürchtigen Mann, Namens Chanoch, j der sich abgestoßen fühlte von der Schlechtigkeit der Menschheit; er suchte deßhalb die Einsamkeit auf und wandelte nur mit Gott. Gott nahm ihn zu sich; auf seine Mitmenschen hat Chanoch nicht gewirkt; j bald nachher raffte die Sündfluth die Menschen dahin. Anders war cs mit Abraham. Unser Stammvater Abraham lebte inmitten einer götzendienerischen Welt; aber er suchte die Einsamkeit nicht; er strebte vielmehr darnach, auf seine Mitmenschen zu wirken, sie unter die Fittige der göttlichen Majestät zu bringen, selbst auf die Gefahr hin, die Feindschaft der ganzen heidnischen Menschheit auf sich zu laden. Und so kam es denn auch au vielfachen feindlichen Zusammenstößen mitNimroo, mitPharao, mitAmraphel, mit Abimelech. Eines der köstlichsten Geschenke, welche Gott den Menschen verliehen, ist die Freiheit, die Freiheit des Willens, die Freiheit, das Gute zu thun und das Böse zu lassen oder das Böse zu thun und das Gute zu lassen. Diese Freiheit ist die Grundlage des menschlichen Wesens; durch sie ist die Möglichkeit einer stetig fortschreitenden Vervollkommnung gegeben; durch sie ist der Mensch für seine Thaten verantwortlich; durch sie ist ein ewiges Leben, ein Leben nach dem Tode, eine jenseitige Belohnung und Bestrafung ermöglicht. — Um der Freiheit willen, um sie zu entwickeln, um ihr den größtmöglichen Spielraum zu geben, führte Gott sein Volk mitten in das Getriebe der Welt. Israel sollte keine Treibhauspflanze werden, ängstlich behütet vor der Kälte des Winters und vor dem Sonnenbrände im Sommer. Der Baum, welcher sich kräftig und stark entwickeln soll, muß den Unbilden jeder Witterung trotzen können. — Wäre Israel in einem entlegenen Winkel der Erde erzogen worden, so wäre es niemals befähigt gewesen, auf die ganze Menschheit zu wirken. Hätte Israel sich mit den Nationen der Erde vermischen dürfen, so wäre es längst ans der Reihe der Nationen verschwunden, gerade so wie alle andern Völker des Alterthums. Pas ist das cheßeirnniß der historischen Wettttessrmg der Inden: dieHMicht einerseits, milden Völkern und unter den Wötkern zu leben und zu wirken, nnd andrerseits der Wernf, seine Eigenheit zn bewahren «nd sich zu isoliren. Aus dieser Doppelstellung sind uns von Anbeginn an bis auf den heutigen Tag alle Kämpfe und Leiden erwachsen; aber auch die höchsten Freuden, die aus dem beglückenden Bewußtsein entspringen, so Großes in der Weltgeschichte geleistet zu haben, wie kein anderes Volk, nicht bloß für dieses vergängliche Dasein zu wirken, sondern für das ewige Leben. Sollen wir uns darüber beklagen, daß Gott so Schweres auf unsre Schultern gelegt hat? Im Geqentheile, wir müssen ihm dankbar dafür sein. Je mehr Würde, desto mehr Bürde. Die hohe Bestimmung, die uns Gott gegeben, hat Kampf, und manchmal auch Roth und Elend im Gefolge. Die Kämpfe werden überwunden, die Noth nnd das Elend ziehen vorüber; aber die Hohe Bestimmung bleibt. Daher sprechen wir mit König David: „Mein Loos fiel mir in's Liebliche, nnd auch mein Erbtheil gefällt mir gar wohl!" Daher sprechen wir täglich in unsrem Gebete: „Gelobt sei unser Gott, der uns geschaffen hat zu Seiner Verherrlichung und uns gesondert hat von den Irrenden und uns gegeben hat eine Lehre der Wahrheit, der ewiges Leben in uns gepflanzt hat." (Fortsetzung folgt.) Aeililtlgsrrachrichlen und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 25. Aug. In Folge der in letzter Zeit in einzelnen Provinzialstädten vorgekommenen Störungen der öffentlichen Ordnung und gegen die jüdischen Einwohner gerichteten Excesse hat der Minister des Innern an die Provinzialrcgierungen und an die Ober-Präsidenten resp. die Regrerungs-Präsidenten die Weisung ergehen lassen, die Ortspolizeibehörden uno execütiven Organe der Sicherheitspolizei zu veranlassen, mit vollstem Nachdruck und mit allen zu Gebote stehenden gesetzlichen Mitteln dafür Sorge zu tragen, daß einer Wiederholung derartiger Excesse und erneuten Versuchen von solchen Exceffen mit größter Energie entgegengetreten werden kann. Als zweckmäßig haben sich in derartigen Fällen dic Publikation der auf den Landfriedensbruch, sowie auf die hierbei in Frage kommenden Verbrechen und Vergehen gegen die öffentliche Ordnung bezüglichen