Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1881)
- Date
- 1881-08-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXII. Jahrgang. Erste Seilage zu Ar. 34 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Aschaffendurg, 9. Aug. Der Verwaltungsgerichtshof in München hat am 5. d. M. eine Entscheidung getroffen, die von ganz besonderem Interesse ist. Vor einiger Zeit richteten sich neun Mitglieder der jüdischen Cultusgemeinde Aschaffenburg in einem Privathause einen eigenen Betsaal ein, weil, wie sie angaben, die allgemeine Synagoge baufällig, der Raum für die große Gemeinde zu klein und der daselbst eingeführte Ritus zu „modern" sei. Auf Anzeige der Cultusverwaltung wurde von Seite der hiesigen zuständigen Behörde dieser Separatgottesdienst verboten. Auch die unterfränkische Kreisregierung entschied sich laut Entschließung v. 31. Dez. 1880 gegen die neun Mitgleder, da durch die Abhaltung von Separatgottesdienst ein „Schisma" unter den Juden Aschaffenburg's entstehen würde. Nun wandten sich die Neun an den Verwaltungsgerichtshof, aber auch dieser verwarf die Beschwerde der Petenten, obwohl der Oberstaatsanwalt selbst beantragt hatte, derselben Folge zu geben. In der Ausführung des Urtheils wuroe auf das Judenedict v. 10. Juni 1813 verwiesen, nach welchem den einzelnen Juden volle Gewissensfreiheit garantirt, jedoch nicht gestattet wird, Separatgottesdienst mit der ausgesprochenen Absicht zu veranstalten, eine eigene Secte zu gründen. Aus Schlesien, 9. Ang. In voriger Woche hat ein Beamter der königlichen Polizeiverwaltung in Breslau, Namens Winterfeld in Hirschberg, wie schon früher in Liegnitz unter dem Vorwände, über die Handwerkerfrage zu sprechen, in einer auf Veranlassung der konservativen berufenen Versammlung gegen die Juden geeifert. Die Resultate zeigen sich denn bereits in Gestalt von Placaten, die man an Laternenpsählen, Häuserecken und Zäunen Hirschbergs angeheftet findet. Dieselben fordern geradezu;u feindlichem Vorgehen gegen die Juden auf. Eins )erselben lautet: „Mitbürger! Erwacht, die Juden Pötten Eurer Väter! Noch ist es Zeit, daß sie Euch acht ganz aussaugen. Kauft den Vampyren nichts nehr ab. Die Vergeltung wird hier bald nahen. — — Das Comitß." Da in Hirschberg seit langer Zeit jüdische Einwohner leben, die mit der übrigen Bevölkerung in bestem Einvernehmen stehen, so ist kaum zu besorgen, daß es zu Scenen, wie in Pommern kommt; aber Veranlassung dem Breslauer Polizeibeamten seine antisemitischen Agitationsreisen zu untersagen, sollte das Polizeipräsidium daraus doch wohl entnehmen. Aus Schivelbein, 8. Aug., erhält die „Nat.- Ztg." folgenden Bericht über den gestrigen Judencrawall: Am Sonntag Abend gegen acht Uhr begannen auch in unserer Stadt die Exceffe, nachdem schon einige Tage vorher unbedeutende Aufläufe stattgefunden hatten. Rotten zu 10—12 Mann mit Aexten, Brecheisen rc. bewaffnet, zum Theil mit geschwärzten Gesichtern, zogen von einer schreienden und tobenden Volksmenge begleitet, zunächst vor das Rathhaus, warfen dort einige Fensterscheiben ein und trieben die Polizisten und Gensdarmen so sehr in die Enge, daß diese flüchten mußten. Dann begannen sie eine systematische Zerstörung und Demolirung von 12—15 jüdischen Kaufläden. Es wurden nicht nur wie in Neustettin, die Jalousien und Schaufenster zerschlagen, sondern ein Theil der Bande stieg in die Läden ein, warf oen Inhalt hinaus, wo er zerstört, gestohlen oder in die Rega geworfen wurde. Heute Morgen sah es auf dem Markt wie in einer geplünderten Stadt aus: unzählige Scherben, Fässer, Stücke Zeuge, Fensterkreuze, Papiere, Hausgeräthe lagen umher. Schreiber dieses war im Laufe des Tages in der Wohnung eines jüdischen Händlers. In den drei Zimmern der Wohnung und in der Küche war buchstäblich kein Stück ganz geblieben, Möbel, Kochtöpfe, Thüren, alles war kurz und klein geschlagen, die Insassen der Wohnung waren theilweise geflüchtet, die Zurückbleibenden durchgeprügelt worden. Uebrigens scheint dies der einzige Fall zu sein, in dem die Tumultuanten in eine Privatwohnung gedrungen sind, sonst beschränkten sie sich auf die Geschäftsläden. Auch legten dieselben in einem Spiritusgeschäst Feuer an, das aber zum Glück nicht auskam. An zwei jüdischen Ladenbesitzern, die Kranke und Wöchnerinnen im Hause hatten, gingen sie auf Bitten vorüber, drohten aber, ein anderes Mal wiederzukommen. So bot die Stadt ca. 4—5 Stunden das Bild der vollständigsten Anarchie, endlich gelang es der zuverlässigen Section des neugebildeten Kriegervereins, unterstützt von Bürgern, durch einen Bajonettangriff die Schaaren auseinander zu treiben