Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1881)
- Date
- 1881-08-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXII. Jahrgang. Erste Beilage;» Ur. 33 des Israelit. Zeitungsnachri^-ten und Currefpondenzen. D e n t f ch l a n d. Frankfurt a. M. Die Antisemiten-Bewegnng ist ein stehender Artikel in allen Zeitungen, namentlich den jüdischen geworden. Bald ist von einer Judenhetze, bald von einer Rede, einem Zeitungsartikel, einer Broschüre gegen die Juden zu berichten, bald wieder von solchen für die Inden. Unsere Gegner vergessen, das; die Thätigkeit der Juden ein Glied in der volkswirthschaftlichen Kette bildet und das; eine Zertrümmerung oder Beschädigung dieses Gliedes die ganze Kette zerreißt. Es hieße indessen Eulen nach Athen tragen, wollte man über die Sache selbst, über die bereits so viel, fast zu viel geschrieben und gesprochen worden, ein Wort verlieren. Aus Eines jedoch möchte ich aufmerksam machen, das meines Wissens noch nicht gesagt worden ist. Man will den Juden den Vorwurf machen, sie seien keine Deutsche, während Deutschland das Adoptis- Vaterland der Juden ist, dem sie mit einer unwandelbaren, fast beispiellosen Treue anhängen. Es ist bekannt, daß die Juden schon in sehr frühen Zeiten gastliche Ausnahme in Deutschland fanden und eine geachtete und angesehene Stellung einnahmen, erst mit dem ersten Kreuzzug im Jahre 1096 — i:m mn — begannen die Judenverfolgungen, welche viele Juden zwangen, ein Asyl in den benachbarten Ländern, Polen, Rußland, Ungarn, Böhmen u. s. w. aufzusnchen. Diese Flüchtlinge, welche den deutschen Boden ungern verließen, nahmen die Liebe zu diesem Boden mit in die neue Heimath und heute noch haben sie die deutsche Sprache beibehalten und bilden sie noch die Stützen des Deutschthums. Allerdings hat diese Sprache so manches nichtdeutsche Wort ausgenommen, wie sie auch an den Fortschritten und der Ausbildung unserer Sprache keinen Theil genommen und ist dadurch zu einem Jargon geworden. Das konnte Alles nicht anders sein, allein die deutsche Sprache ist der Grundton dieses Jargons, der die Umgangssprache für die, die außerdeutsche Länder bewohnenden Juden bildet, während die hebräische Sprache auch für die Juden eine todte geworden und nur noch im Orient, von wenigen spanischen Juden gesprochen wird. Die aus Deutschland ausgewanderten Juden haben demnach sich ihr Deutschthum zu erhalten gewußt und die im deutschen Vaterlande gebliebenen,' die lieber Tod und Marter Hinnahmen als die liebgewordene Scholle zu verlassen, die ihr Deutschthnm mit ihrem Blute besiegelt haben, sollten keine Deutsche sein? Diese Thatsache spricht zu laut, als daß sie unerwähnt gelassen werden dürfte. Dennoch ist ihre Verbreitung nicht der Zweck dieser Zeilen, solche sollen vielmehr einen Mahnruf an unsere Glaubensgenossen sein. Es ist natürlich, daß alle Inden bemüht sind, die Angriffe znrückzuweisen und daß sie einig sind gegen den gemeinsamen Feind; es genügt dies jedoch nicht, wir müssen uns auch die Frage vorlegen, ist von unserer Seite nichts geschehen, um diese Angriffe zn veranlassen, und leider können wir ans diese Frage nicht mit nein antworten. Ich meine damit nicht, daß hie und da ein Jude sich eines Vergehens oder Verbrechens, wie Wucher oder Betrug n. drgl. schuldig gemacht, es trifft dadurch der Gcsammtheit keine Schuld, vielmehr müssen wir jede solidarische Verantwortlichkeit znrückweisen, ich meine vielmehr unser Verhalten in öffentlichen Angelegenheiten. Es ist nicht zu verkennen, daß die' antisemitische Bewegung, wenn nicht von der Staats-Regierung unterstützt, so doch von derselben nicht gehemmt wird. Voraussichtlich werden bei den nächsten Wahlen die Juden als Antwort hierauf in ihrer überwiegenden Mehrzahl, ihre Stimmen und ihr Gewicht zu Gunsten der oppositionellen Candidaten in die Wagschale werfen; ich halte dies jedoch weder für klug noch für recht. Alan wird mir zwar entgegnen, wir stimmen gegen die Regie/nng, weil die Regierung gegen uns ist. Wie wäre es aber, wenn die Regierung gegen uns wäre, weil wir gegen sie gestimmt haben? Wenn wir uns aufrichtig fragen, was war früher, die antisemitische Bewegung oder die oppositionelle Richtung der Juden, so müssen wir, wenn wir ehrlich sein wollen, zngeben, daß die letztere älter ist als die erstere, daß im Großen und Ganzen die jüdischen Abgeordneten stets mehr oder weniger Opposition machten und daß kein Einziger sich auf der Seite der Staats-Regierung befand*), ebenso wur- *) Anm. der Red.: Das ist doch nicht gan; richtig: während der ganzen Zeit» daß sich die Regierung der natio na Liberalen Partei zuneigte, haben die meisten jüd. -Abgeordneten die Regierung unterstützt. Das diese Herren ihren politischen t^rnndsatzm