Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1881)
- Date
- 1881-08-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447850-2447879--17856-2473876- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
776 künde, daß Rabbi Akiba mit einem mit Papyrus beladenem Schiffe Alexandria verlassen und daß dieses aller Wahrscheinlichkeit nach aus der Fahrt verunglückt sei. Rabbi Gamliel, der von einer Seereise zurückkehrte, hatte die Trümmer jenes Schiffes auf dem offenen Meere treiben sehen. Im Lehrhause zu Jabneh waren die Rabbinen versammelt; Rabbon Gamliel sollte den Vortrag halten. Er sprach: „Mein Herz ist tief bekümmert um unseres Bruders Akiba willen. Ich selbst habe die Trümmer des Schiffes, welches ihn in die Heimath bringen sollte, auf dem offenen Meere treiben sehen. Wehe, daß so viel Geist und so viel Thorakenntniß ein Raub der Wellen, daß Akiba's reiner und heiliger Körper eine Beute gefräßiger Fische und Seeungeheuer werden mußte!" Da erhob sich ein Weinen und Wehklagen, daß die Wände des Lehrhauses erbebten und daß die Thränen der Jammernden den Fußboden netzten. Die großen und ehrwürdigen Lehrer Israels gaben sich ganz dem unermeßlichen Schmerz hin; war doch das Wehe ein so allgemeines wie damals, als der heilige Tempel war zerstört worden Da öffnete sich die Thüre des Lehrhauses, und eine große, mächtige Gestalt brach sich Bahn durch die trauernde Menge. Staunend blickten t die Versammelten auf dieselbe und erkannten zu ihrer unaussprechlichen Freude den vermißten Lehrer und Freund. Rabbon Gamliel aber verließ seinen erhöhten Sitz und eilte mit ausgebreiteten Armen auf den Ankömmling zu. „Akiba," rief er, „mein Freund, mein Bruder, mein Sohn, Liebling Gottes und Liebling meiner Seele, bist Du vom Tode erstanden?" Und sie umarmten und küßten sich. Und Rabbi Josua drängte sich herbei, und Rabbi Elasar ben Asariah und Rabbi Tarphon und Rabbi Jischmael und Rabbi Jose, der Galiläer, und Rabbi Zadok und Rabbi Chananjah ben Deradion und Rabbi Chalaphta und Rabbi Chutzpith und Rabbi Jose ben Dormiskos und Rabbi Jochanan ben Gudgadah und Rabbi Elasar Chisma und Rabbi Jehuda ben Betherah und Rabbi Jlaah und Rabbi Elasar Hamudai, und Rabbi Jeschebob und all die Andern, und es währte lange, bis sie Alle den todtgeglaubten Freund umarmt und geküßt hatten, und dann kamen noch die Söhne Rabbi Akiba's, Rabbi Josua und Rabbi Schimeon, die auch schon große Lehrer in Israel geworden waren, und ganz zuletzt der Schwager Rabbi Jochanan; denn Kalba Sabua hatte auf Zureden seines Schwiegersohnes in spätem Alter noch ein Weib genommen, und Gott hatte ihm einen Sohn geschenkt, welcher der Schüler seines Schwagers und nunmehr auch schon ein Lehrer Israels geworden war. Der Freude und des Jubels war kein Ende, bis Rabbon Gamliel Ruhe gebot und den wiedergewonnenen Freund aufforderte, zu erzählen, wie er dem Tode entronnen. Und Rabbi Akiba sprach: „Das Schiff, welches ich im Hafen von Alexandria bestiegen, wurde vom Sturme auf ein Korallenriff getrieben und zerbarst; ich empfahl meine Seele dem allmächtigen Gott und rief: Alles, was der Barmherzige tönt, ist zum Guten. Ich hatte ein Brett des zertrümmerten Schiffes erfaßt, an welchem ich mich festhielt. Und die Wellen verschlangen mich nicht; die eine übergab mich der andern, bis ich an das Ufer gespult wurde. Hier verließ mich die Besinnung. Als ich wieder erwachte, befand ich mich in einer einsamen, mir unbekannten Gegend. Alsbald wanderte ich landeinwärts, bis ich ein Städtchen fand, in welchem Glaubensgenossen wohnten, die mich mit Speise, Trank, Kleidung und Geld versorgten, so daß ich meine mühevolle Wanderung in die Heimath fortzusetzen vermochte. Schon in der Ferne hörte ich, daß man mich zu Hause als einen Verstorbenen beklage. Deßhalb eilte ich zunächst hierher, noch ehe ich mein Weib aufsuchte, damit meine Lehrer und Freunde nicht uunöthig klagen und damit das Thorastudium keine Unterbrechung erleide." „Heil Dir, Akiba," sprach Rabbon Gamliel, „auch die Unglücksfälle, die Dich betroffen, tragen dazu bei, die Halacha zu klären und festzustellen. Wir sind gerade damit beschäftigt, zu erörtern, ob Jemand, von dem bezeugt wird, daß er auf dem Meere oder auf einem Strome Schiffbruch erlitten oder sonstwie in ein endloses Wasser gefallen, als todt zu betrachten und es seiner Frau zu gestatten sei, sich wieder zu verheirathen. Die wunderbare Rettung, durch die Du dem Tode entronnen bist, beweist, daß in solchen Fällen der Tod des Betreffenden nicht als feststehend zu betrachten ist, so lange die Leiche nicht gefunden und als mit dem Vermißten identisch erkannt worden. Wie groß sind doch die Worte der Weisen! Alle ihre Lehren stammen von Gott, der sie auf dem Sinai dem Moscheh offenbart hat!"*) (Fortsetzung folgt.) *) Iebamoth f. 121 a. Hierzu vier Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann in Mamz. — Verlag und Expedition des „Israelit" große Bleiche 45. I. Gottsleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).